Klaus Kinski - Biographie 1926-1949

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Ein kurzes Stimmungsbild des Jahres 1926: Mussolini weitet in Italien seine Kompetenzen aus, in England erlebt man die erste Fernsehvorführung, in Berlin läuft Goldrausch mit Charlie Chaplin, der Mainzer Bischof protestiert gegen den Fröhlichen Weinberg von Zuckmayer, der Paragraph 218 wird reformiert, im Deutschen Reich gilt eine einheitliche Strassenverkehrsordnung, in Weimar findet der erste Parteitag der NSDAP statt, der Vesuv bricht aus und Kaiser Hirohito besteigt den japanischen Thron. Rainer Maria Rilke stirbt, und geboren werden neben Klaus Kinski auch Valéry Giscard d'Estaing, Hans-Jochen Vogel, Siegfried Lenz, Elisabeth II. von England und Marilyn Monroe.

1926

Familie Nakszynski in Zoppot 1928 - in der Mitte der kleine Nikolaus Karl Günther

18. Oktober 1926: Nikolaus Karl Günther Nakszynski wird im Ostseebad Zoppot (heute Sopot) bei Danzig als jüngster Sohn von Bruno Nakszynski geboren. Bruno ist ein armer Glatzkopf, der gelegentlich als Apothekergehilfe arbeitet und den der kleine Nikolaus für einen polnischen Opernsänger hält. Die Mutter, eine Pfarrerstochter, arbeitet nächtelang als Näherin, um die vier Kinder durchzubringen: Inge, Arne, Hans-Joachim ("Achim") und Nikolaus. Einmal versetzt sie ihre Schuhe, um Klaus zwei süsse Schnecken zu kaufen.

Angeblich lebt die Familie dann auch für einige Zeit in Warschau.

um 1931

Die Familie Nakszynski verlässt Zoppot und emigriert nach Deutschland. Nikolaus besucht seine Heimatstadt bis zu seinem Tod nie wieder. Auch in seinen Büchern schenkt er Zoppot keine Zeile. In Berlin wohnen die Nakzynskis zuerst in der Gegend des Schöneberger Bahnhofs.

Wegen Betteln und Stehlen wird Nikolaus in ein Erziehungsheim gesteckt und mag dort die dargebotenen Speckschwarten gar nicht gern essen.

1936

Nikolaus besucht das humanistische Prinz-Heinrich-Gymnasium in Berlin-Schöneberg bis zur Untersekunda, bevor er endgültig rausgeworfen wird, weil er sieben Monate lang geschwänzt hat. Danach geht er noch eine Weile ans Bismarck-Gymnasium, bleibt aber insgesamt zweimal sitzen. Sein Schulgeld verdient er sich selbst als Laufbursche, Schuhputzer, Strassenfeger und Leichenwäscher.

1943

Frühling: Nikolaus Nakszynski wird als 16einhalbjähriger zum Kriegsdienst eingezogen und kommt zuerst in ein Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend in den Niederlanden. Bei der Wehrmacht trifft er seinen alten Freund Keule wieder.

Mit sechzehn Jahren muss ich zum Militär. Als ich den Stellungsbefehl lese, weine ich. Nicht weil ich feige bin, ich fürchte mich vor niemand. Ich will nicht töten und getötet werden.

S-Bahnhof Westkreuz. Ich muss umsteigen, um zur Fallschirmjägerkaserne zu fahren. Ich mache mich vom Mund meiner Mutter los. Sie bleibt im Abteil, um bis nach Schöneberg weiterzufahren. Sie sieht mich durch die verdreckten Fensterscheiben an. Ihre Augen werden mit dem S-Bahnzug aus dem Bahnhof gefahren.

"Mutti!!!!!!!!"

Bei den Fallschirmjägern treffe ich einen anderen Strassenjungen wieder.

"Keule!" Wir liegen uns lange in den Armen. Keule heisst Bruder.

Sie drücken uns Waffen in die Hände und sagen: "Töte den Feind."

Mit sechzehneinhalb muss ich zum Militär. Als ich den Stellungsbefehl lese, weine ich. Ich will niemanden töten und auch nicht getötet werden.

S-Bahnhof Westkreuz. Ich muss umsteigen, um zur Fallschirmjägerkaserne zu fahren. Ich mache mich vom Mund meiner Mutter los und springe auf den Bahnsteig. Sie bleibt im Abteil und fährt bis Schöneberg weiter. Die automatischen Türen schliessen sich. Sie sieht mich durch die verdreckten Scheiben an. Ihre Augen werden mit dem S-Bahnzug aus dem Bahnhof gefahren.

"Mutti!!!!!!"

Bei der Einheit treffe ich einen anderen Strassenjungen wieder: Keule! Wir liegen uns in den Armen. Wir nannten uns gegenseitig Keule. Das heisst Bruder.

1944

18. Oktober: Klaus Kinski wird 18 Jahre alt. Wenig später desertiert er von seiner Einheit (offenbar die 15. Armee), wird wieder eingefangen und zum Tode verurteilt, kann jedoch noch vor seiner Hinrichtung flüchten.

Heute ist mein Geburtstag. Die Tommies schlagen uns zusammen.

Keule und ich schmeissen uns überhaupt nicht hin, wenn wir die Granaten jaulen hören. Wir spielen: Wer seine abgezogene Handgranate am längsten in der Hand behält, gewinnt.

Manchmal hängen Jagdflugzeuge wie Raubvögel am Himmel. Dann hüpfen wir wie verrückt geworden rum und fuchteln mit den Armen, bis sie uns sehen und im Sturzflug auf uns herunterschiessen. Wir feixen, wenn sie uns verfehlen und machen ihnen eine Nase. Wir haben keine Ahnung, was das alles soll. Für uns ist das Geknalle wie Silvester, wo wir niemals genug Frösche und Kanonenschläge hatten.

Jetzt ist Keule nicht mehr da, und ich habe niemand mehr, der mit mir spielt. Ich habe mich verlaufen. Wie ein verlorenes Kind. Nicht wie früher im Strandbad Wannsee, wenn ein Kind im Gewühl seinen Bruder verloren hatte. Das Kind wurde dann über Lautsprecher ausgerufen, und man konnte durchs Mikrofon sein Weinen hören. Nach einer Weile kam dann immer jemand und nahm es in Empfang.

Es müsste jetzt also über Lautsprecher gerufen werden: "Sechzehnjähriger Junge, goldblonde Haare, riesige veilchenblaue Augen mit langen dunkelbraunen Wimpern und einem grossen roten Mund, will zu Keule zurück. Hört mit dem dämlichen Herumgeknalle auf!"

Der Gedanke reizt mich zum Lachen. Aber hier führt mich niemand zu Keule zurück.

"Wer freiwillig mit auf Patrouille geht, vortreten!"

Leckt mich am Arsch.

In den verlassenen Häusern, aus denen die Bewohner geflohen sind, finde ich Zivilklamotten. Ich werfe meine Uniform in eine Mülltonne und ziehe alles an, was ich finde. Ein grün und weiss kariertes Kinderhemdchen und viel zu grosse Frauenschlüpfer.

Die Leute müssen von der Mahlzeit aufgesprungen sein. Die Teller sind halb abgegessen, die Gläser noch halb voll. Alles ist mit Schimmel überzogen wie bei Dornröschen.

Ich schlage mich querfeldein in die Richtung, aus der die Granaten kommen, und lebe von matschigen Äpfeln. Überall Äpfel, die unter den Bäumen im Wasser liegen. Die ganze Gegend ist überschwemmt mit Wasser und Äpfeln. Ich habe solchen Dünnschiss, dass ich nur noch in der Kack-Hocke fresse. Am Tag kann ich mich nicht einmal zum Pissen aufrichten. Ich tue es im Liegen und friere mit der vollgepissten Hose an der Erde fest.

Das ist die sechste Nacht, in der ich mich von Matschäpfeln ernähre - da steht im bunten Licht von Leuchtkugeln auf einer überschwemmten Wiese eine Kuh! Grasend auf einer Wiese! Kadaver von Kühen oder Pferden, auch von Schweinen, ja, wohin man sieht. Aber eine lebende Kuh! Grasend auf einer Wiese! Das ist absurd! Sie ist ganz bunt vom Licht. Immer mehr Leuchtkugeln platzen hoch oben in der Luft und schweben dann langsam zur Erde nieder, bevor sie über dem Kopf der Kuh ins Nichts zerschmelzen. Vielleicht tun sie das für Weihnachten, kommt es mir in den Sinn. Es muss jetzt ungefähr Weihnachten sein... Vielleicht habe ich Halluzinationen von dem Matschfrass und dem ewigen Gescheisse.

Ich muss versuchen, an die Kuh heranzukommen. Dann werde ich mich auf sie stürzen und ihr ein Stück Fleisch aus dem Leib schneiden. Vielleicht muss ich sie gar nicht töten. Sicher finde ich in einem verlassenen Haus Streichhölzer, oder einen Gasanzünder. Dann werde ich Feuer machen und mir das Stück Rindfleisch braten. Vielleicht finde ich eine Pfanne. Oder wenigstens einen Kochtopf.

Ich reisse meine festgefrorene Hose von der Erde los. Da wird mir klar, dass ich gar keine Waffe habe. Ich habe kein Gewehr, auch keine Pistole, nicht einmal ein Messer, auch kein Taschenmesser, nichts. Auch keine Schnur, um sie zu erwürgen. Wie soll ich sie töten? Wie soll ich sie schlachten? Ich kann versuchen, ihr die Kehle durchzubeissen. Ja, das werde ich tun. Ich werde mich an ihre Gurgel hängen. Ich habe Flaschenkapseln mit den Zähnen aufgebissen. Ihre Gurgel kann nicht härter sein als eine Flaschenkapsel. Ich werde ihr nur ein Stückchen Fleisch herausbeissen und sie dann laufenlassen. Schlimmstenfalls fresse ich das Fleisch roh.

Um zu der Kuh hinzugelangen, muss ich über eine Stacheldrahtumzäunung, wie sie auf Wiesen, auf denen Kühe grasen, üblich sind. Ich bin noch keine zehn Meter an die Kuh heran, als sie sich mit einem Ruck umwendet und davongaloppiert.

"Wir werden sehen, wer schneller rennen kann!" schreie ich, als habe sie unsere Abmachung gebrochen, sich bei lebendigem Leibe ein Stück Fleisch herausbeissen zu lassen. Aber ich habe mich getäuscht. Ich bin hier nicht in meinem Asphaltdschungel, und ich habe auch keine Tennisschuhe an, sondern viel zu grosse harte und mit Wasser vollgesogene Soldatenstiefel. Dennoch komme ich vor einer Stacheldrahtumzäung so nah an sie heran, dass ich ein Bein zu packen kriege. Ich grabe meine Zähne in die weiche Innenseite ihres Schenkels, da wo er in die Arschbacke übergeht. In diesem Augenblick öffnet sich ihr After, und ein Strahl grüner Scheisse platscht mir ins Gesicht. Noch scheissend springt sie über den Stacheldraht. Sie schafft den Sprung nicht ganz und reisst sich das Euter ein. Aber das stört sie nicht. Sie stürmt von Abgrenzung zu Abgrenzung. Nie schafft sie ganz den Sprung über den Stacheldraht. Und wie ein Ziegenböckchen schlägt sie, ala hätte sie den Verstand verloren, mit zerfetztem Euter Haken in der Luft - während ich, vollgeschissen und bis zu den Waden im Morast versackt, bis auf die Knochen nass und zähneklappernd sie verfluche und mir selbst einen Platz zum Kacken suchen muss.

Oktober 1944. Die Tommies schlagen uns zusammen. Für Keule und mich ist das ganze Herumgeballere wie Silvesterfeuerwerk, bei dem wir nie genug Frösche, Schwärmer und Kanonenschläge hatten. Wir werfen uns überhaupt nicht hin, wenn wir die Granaten zwitschern hören, und spielen mit abgezogenen Eierhandgranten Murmeln.

Als die Tommies endlich müde werden, finde ich Keule nicht wieder. Ich habe niemand mehr, der mit mir spielt, und ich habe mich verlaufen. Wie ein verlorenes Kind. Nicht wie früher im Strandbad Wannsee, wenn ein Kind im Gewühl seinen Bruder verloren hatte. Das Kind wurde dann über den Lautsprecher ausgerufen, und man konnte durchs Mikrofon sein Weinen hören. Nach einer Weile kam dann immer jemand und nahm es in Empfang.

Es müsste jetzt also jemand über Lautsprecher rufen: "Sechzehnjähriger Junge, goldblonde Haare, veilchenblaue Augen, Mund wie eine Hure, will zu Keule zurück. Hört mit dem Geknalle auf, bis er euch den Hintern zukehrt!" Der Gedanke reizt mich zum Lachen. Aber hier führt mich niemand zu Keule zurück.

"Wer freiwillig mit auf Patrouille geht, vortreten!"

Ich gehe woanders hin. Leckt mich am Arsch.

In den verlassenen Häusern, aus denen die Bewohner geflohen sind, finde ich alle möglichen Zivilklamotten. Ich werfe die Uniform in den Mülleimer und ziehe alles an. Auch ein grün und weiss kariertes Kinderhemd und ein paar viel zu grosse Frauenschlüpfer. Männerunterhosen finde ich nicht.

Die Leute müssen von der Mahlzeit aufgesprungen sein. Die Teller sind halb abgegessen, die Gläser noch halb voll; alles ist mit Schimmel überzogen wie bei Dornröschen. In den Speisekammern dasselbe Bild.

Ich schlage mich querfeldein in die Richtung, aus der die Granaten kommen, und lebe von zermatschten Äpfeln. Überall Äpfel, die unter den Bäumen im Wasser liegen. Die ganze Gegend ist überschwemmt mit Wasser und Äpfeln. Ich habe solchen Dünnschiss, dass ich nur noch in der Hocke esse.

Ich laufe nachts. Am Tage kann ich mich nicht mal zum Pinkeln aufrichten. Ich pisse im Liegen und friere mit der vollen Hose auf der Erde fest.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 waren sie bis zum 15. September bereits bis zur deutschen und niederländischen Grenze vorgestossen. Die 1. kanadische und die 2. britische Armee drangen, von Luftlandetruppen unterstützt, trotz schwieriger Bodenverhältnisse (Überschwemmungen) unter schweren Kämpfen noch immer weiter nach Norden vor. Im Oktober oder November 1944 wurde Nikolaus Nakszynski anscheinend von den Kanadiern gefangen genommen und verbringt anschliessend erstmal 14 Wochen im Lazarett. Insgesamt verbrachte er ein Jahr und vier Monate in britischer Gefangeschaft.

Da ich keinen Kompass habe, laufe ich im Kreis, direkt in die deutschen Linien. Sie fangen mich ein, und ich werde wegen Desertieren zum Tode verurteilt. Das Erschiessungskommando wird abkommandiert. Morgen, ganz früh, soll ich erschossen werden.

Der Soldat, der mich bewachen soll, ist geil nach mir.

"Dir kann es ja wurscht sein", sagt er. Ich sage, es ist mir wurscht.

Als er sich die Hose runter lässt und mich in den Hintern ficken will, versetze ich ihm eins über den Schädel, um ihn zu betäuben.

Diesmal türme ich in die richtige Richtung. Im Morgengrauen stosse ich auf die Patrouille, an der ich mich nicht beteiligen wollte. Die Kadaver der Jungen sind eisenhart gefroren und verrenkt wie Gliederpuppen.

Trommelfeuer, die Tommies bereiten wahrscheinlich einen Angriff vor. Ich liege in einer flachen Kuhle auf der einzigen Zugangsstrasse, auf der sie angreifen können. Der Rest ringsherum ist unter Wasser.

"... Bss ... bss ... bss ..." Die Maschinengewehrgarben fressen sich in Zickzacklinien durch den Sand, der in winzigen Fontänen aufspritzt.

Dichter Nebel. Man kann keine zehn Meter weit sehen. Ich muss endlich meine Knochen strecken. Rrrrrrrrrrrt ... Die Salve aus einer Maschinenpistole. Fünf Kugeln treffen mich. Der Kerl, der vor mir steht, hat nur vor Schreck geschossen, als ich plötzlich aus der Erde aufgetaucht bin. Jetzt sind viele um mich herum.

"Come on! Come on!" Sie spiessen mich mit den Läufen ihrer Maschinenpistolen auf. Mindestens fünf zielen auf meinen Kopf. Andere auf mein Herz. Auf meinen Bauch. Fehlt nur noch einer im Arsch! Als sie endlich kapieren, dass ich keine Waffen habe, schicken sie mich zu ihren eigenen Linien zurück.

Immer mehr Tommies tauchen aus dem dicken Nebel auf, während ich an ihnen vorbei in die Richtung torkle, aus der sie kommen.

Mein rechter Unterarm schwillt so gross an wie mein Oberschenkel. Ich blute am Kopf, an beiden Armen, an der Brust. Ich werfe die Jacke weg.

"Go on! Go on!" sagt jeder, dem ich meine Wunden zeigen will, damit er mir hilft.

"Go on! Go back! Back!!"

Sie haben einfach keine Zeit für mich. Sie haben genug mit sich selbst zu tun. Die Luft ist verseucht mit pfeifenden Geschossen und platzenden Schrapnells, und die deutschen Tiefflieger schwimmen wie Haifische darin herum.

Trotzdem gehen die Burschen aufrecht. Den Helm lässig ins Genick geschoben. Sicher haben sie es auch satt, sich hinzuwerfen oder nur zu ducken. Manche haben eine Zigarette im Mundwinkel.

Mir rutscht die Hose runter. Meine Hosenträger sind kaputtgegangen, und mit den blutenden, geschwollenen Armen kann ich die Hose nicht halten. Mein Bauch ist nackt, das Kinderhemdchen geht mir nicht mal bis zum Nabel.

Hinter den Linien schieben sie mich in einen Kahn, während sie selbst bis zu den Hüften im Wasser waten. Ich fange an vor Freude zu singen, zu weinen, zu lachen... langsam sinkt mir der Kopf auf die Brust.

In einem Operations-Zelt holen sie mir die Kugeln raus. Als ich aus der Narkose aufwache, zwinkert mir ein Feldkaplan zu und legt mir ein dünnes Schokoladentäfelchen auf die Brust.

"Das ist ja noch ein Kind", sagt er wie zu sich selbst. Dann zündet er eine Zigarette an und steckt sie mir zwischen die trockenen Lippen.

Ich werde in einen Lazarettzug verladen. Ich weiss nicht, wohin er fährt. Ich stiere nur immerzu auf die herrlichen Ärsche, Titten und Bäuche der Sanitäterinnen, die in ihren engen Uniformröcken von einem stöhnenden Verwundeten zum nächsten keuchen.

Da ich keinen Kompass habe, laufe ich im Kreis. Ich werde wieder eingefangen und zum Tode verurteilt.

Der Herr Offizier will gar nicht wissen, dass ich mit seinem Scheissspiel nichts zu schaffen habe. Das Erschiessungskommando und die Sanitäter sind eingeteilt. Morgen früh soll ich hingerichtet werden.

Der Soldat, der mich bewachen muss, ist ein Homo und unheilbar geil.

"Dir kann es ja Wurscht sein", sagt er.

Es ist mir Wurscht. Ich lasse mich von ihm in den Hintern ficken. Als er zum Orgasmus kommt, gebe ich ihm eins über den Schädel, um ihn zu betäuben. Diesmal türme ich in die richtige Richtung.

Im Mondschein stosse ich auf die Patrouille, an der ich mich nicht beteiligen wollte. Die Kadaver der armen Jungen sind eisenhart gefroren und verrenkt wie Gliederpuppen.

Trommelfeuer. Die Tommies bereiten einen Angriff vor. Ich liege in einer flachen Kuhle auf der einzigen Zugangsstrasse, auf der sie angreifen können. Der Rest ist unter Wasser.

"... Bss ... bss ... bss ..." Die Maschinengewehrgarben fressen sich in Zickzackschlangen durch den Sand, der in winzigen Fontänen aufspritzt. Die können mich mal.

Bodennebel. Man kann keine zehn Meter weit sehen. Ich muss endlich meine Knochen ausstrecken. Rrrrrrrrrrrt ... Die Salve aus einer Tommy-gun. Fünf Kugeln treffen mich. Der Kanadier, der plötzlich vor mir steht, hat nur vor Schreck geschossen.

"Come on! Come on!" Sie spiessen mich mit den Läufen ihrer Maschinenpistolen auf. Mindestens fünf zielen auf meinen Kopf. Andere aufs Herz. Auf den Bauch. Fehlt nur noch einer im After, denke ich. Als sie sehen, dass ich keine Waffen habe, schicken sie mich ohne Bewachung zu ihren eigenen Linien zurück.

Immer mehr Boys tauchen aus dem dicken Nebel auf, während ich an ihnen vorbei in die Richtung torkle, aus der sie kommen.

Mein rechter Unterarm schwillt in Sekundenschnelle an wie ein Oberschenkel. Ich blute am ganzen Körper und werfe die Jacke weg.

"Go on! Go on!" sagt jeder, dem ich meine Wunden zeigen will. "Go on! Go back! Back! Back!" Es sind alles prima Kerle, aber sie haben einfach keine Zeit für mich. Sie haben genug mit sich selbst zu tun. Die Luft ist voll mit pfeifenden Kugeln und platzenden Schrapnells, und die deutschen Tiefflieger schwimmen wie Haifische darin herum.

Trotzdem gehen die Burschen aufrecht. Den Helm lässig ins Genick geschoben. Manche haben eine Zigarette im Mundwinkel.

Mir selbst rutscht die Hose runter. Meine Hosenträger sind kaputtgegangen, und mit den blutigen Armen kann ich die Hose nicht halten. Mein Bauch ist nackt. Das Kinderhemdchen geht mir nicht mal bis zum Nabel.

Hinter den Linien werde ich menschlich aufgenommen. Ich werde es diesen Männern nie vergessen. Sie schieben mich in einen Kahn, während sie selbst bis zu den Hüften im Wasser waten. Ich fange vor Freude an zu singen, obwohl ich noch nicht weiss, wie ernsthaft ich verwundet bin. Langsam sinkt mir der Kopf auf die Brust.

In einem Zelt holen sie mir die Kugeln raus. Als ich aus der Narkose aufwache, zwinkert mir ein Feldkaplan zu und legt mir ein dünnes Täfelchen Schokolade auf die Brust.

"He is still a child", sagt er wie zu sich selbst. Dann zündet er sich eine Zigarette an und steckt sie mir zwischen die trockenen Lippen.

Vierzehn Wochen Lazarett.

25. Dezember:

Draussen fallen Schneeflocken. Wieder ist Weihnachten. Wieder Eisblumen an den Fenstern. Wie damals als ich klein war und von dem glitzernden Weihnachten geträumt hatte.

Man gibt mir eine Hose, eine Jacke, einen Mantel und ein Paar Schnürstiefel ohne Schnürsenkel. Kein Hemd. Keine Unterwäsche. Keine Socken. Keine Handschuhe. Keine Mütze.

"Nimm die Hände aus den Hosentaschen, oder ich peitsche sie dir aus!" Ein rothaariger Schotte mit einem lächerlichen Seehundsbart fuchtelt mit der Reitgerte in der Luft herum, als er uns am Tor des Gefangenenlagers in Empfang nimmt. Ich bin so empört, dass ich zurückschreie:

"Ich spiele nicht an den Eiern, du rote Ratte, mir ist kalt!"

Ein Mitgefangener zupft mich am Ärmel und flüstert: "Lass dich nicht provozieren. Nimm die Hände aus den Taschen."

Ich nehme die Hände aus den Taschen, obwohl sie mir blau gefroren sind.

Als wir nach stundenlangem Abzählen mit vereisten Knochen in unsere Käfige trotten, sagt der Mitgefangene: "Du wirst sehen, es sind nicht alle so. Im Durchschnitt sind sie in Ordnung."

Die etwa fünfundzwanzig Meter langen Trockenhäuser der Ziegelei sind so niedrig, dass wir in die Knie gehen müssen, um reinzukriechen. Ist man einmal drin, kann man sich nicht mehr aufrichten. Am besten bewegt man sich kriechend. Wir schlafen in zwei gegenüberliegenden Reihen auf der kalten schleimigen Erde. So eng nebeneinander, dass man seinen Körper vom Boden anheben muss, wenn man sich auf die andere Seite drehen will. Und so nah gegenüber, dass sich unsere Füsse berühren und einer nach dem anderen tritt. Jeder hat eine dünne Militärdecke zum Zudecken, das ist alles.

Wir essen mit den Fingern aus alten rostigen Konservendosen. Jeden Tag Sauerkohl mit Wasser und eine Konservendose voll Tee. Ich habe gar nicht gewusst, dass es so viel Sauerkohl auf der Welt gibt.

Was sich in dem Gefangenenlager abspielt, ist sagenhaft. Ausser Tauschhandel, Diebstahl, Wucher, Hurerei und Mord und Totschlag sagen erwachsene Männer Gedichte auf, gehen von Baracke zu Baracke, lesen aus der Bibel vor (weiss der Teufel, wo sie die immer herhaben!), deuten sich die Handlinien, weissagen, wollen sich gegenseitig zu irgendeinem Scheiss "bekehren" und zanken sich um die letzte Kelle Sauerkohl.

Tabak ist das Wichtigste. Noch wichtiger als ficken. Die Männer stürzen sich wie von Sinnen auf die Mülltonnen und schlagen sich blutig um die weggeschütteten Teeblätter, die vom vielen Aufbrühen so ausgelaugt sind, dass sie überhaupt keinen Geschmack mehr haben. Das Zeug wird dann getrocknet, und mit Zeitungspapier, das wir manchmal zum Arschabwischen haben, werden daraus Zigaretten gedreht. Ein alter Mitgefangener frisst eine "echte" englische Zigarette buchstäblich auf. Mit einer rostigen Rasierklinge schneidet er sich jeden Tag ein hauchdünnes Scheibchen davon ab und frisst es mitsamt dem Papier genüsslich auf.

Nach einer Weile werden wir verhört. Sie nennen das "Interview". Der Kerl, der mich aushorcht, ist Berliner. Er faselt von seiner Schulzeit, in welchem Gymnasium, in welcher Strasse und so weiter. Wen das interessiert!

Er ist vollgefressen und steckt sich eine Zigarette an der anderen an, ohne mir eine einzige abzugeben. Der hat wahrscheinlich nie Not gelitten und immer genug zu fressen gehabt. Sogar jetzt, sogar im Krieg hat er alles. Ich hatte damals nichts und habe jetzt nichts. Nicht einmal warme Kleidung im Winter. Ich wünsche diesem ganzen Pack die Pest an den Hals mit ihren Lautsprechern, Yellowlines und ihrem ewigen Stacheldraht.

Draussen fallen Schneeflocken. Man gibt mir eine Hose, eine Jacke, einen Mantel und ein Paar Schnürstiefel ohne Schnürsenkel. Kein Hemd, keine Unterwäsche, keine Socken, keine Handschuhe, keine Mütze. Sie brauchen ihr Zeug selber.

"Take your hands out of your pockets or I'll whip your face!"

Ein rothaariger, schottischer Offizier mit einem lächerlichen Seehundsbart fuchtelt mit der Reitgerte in der Luft herum, als er uns am Tor des Gefangenenlagers in Empfang nimmt. Ich bin so empört, dass ich zurückschreie:

"Ich spiele nicht an den Eiern, du rote Ratte! Mir ist kalt!"

Ein Mitgefangener zupft mich am Ärmel und flüstert: "Lass dich nicht provozieren. Nimm die Hände aus den Taschen."

Ich nehme die Hände widerwillig aus den Taschen. Als wir nach stundenlangem Abzählen blaugefroren in unsere Käfige trotten, sagt mein Kamerad: "Du wirst sehen, es sind nicht alle so. Im Durchschnitt sind es dufte Kerle."

Die zwanzig Meter langen Trockenhäuser der ehemaligen Ziegelei sind so niedrig, dass man sich ganz tief bücken muss, um einzutreten.

Wir schlafen in zwei gegenüberliegenden Reihen auf der kalten, schleimigen Erde. Jeder hat eine dünne Militärdecke zum Zudecken. Wir essen mit den Fingern aus alten Konservendosen.

Jeden Tag Sauerkohl mit Wasser und eine Blechdose voll Tee. Ich habe gar nicht gewusst, dass es so viel Sauerkohl auf der Welt gibt.

Was sich hier abspielt, ist sagenhaft. Ausser Tauschhandel und Wucher, Arschficken und Mord und Totschlag sagen erwachsene Männer Gedichte auf, gehen von Baracke zu Baracke, lesen aus der Bibel vor, deuten sich die Handlinien, weissagen, wollen sich gegenseitig bekehren und zanken sich um die letzte Kelle Sauerkohl.

Tabak ist das wichtigste. Noch wichtiger als Ficken. Die Männer stürmen die Mülltonnen, trocknen die weggeschütteten Teeblätter und drehen Zigaretten aus Zeitungspapier, das wir manchmal zum Arschabwischen haben.

Ein alter Gefangener isst an seiner Zigarette. Er schneidet von seiner Echten jeden Tag mit einer rostigen Rasierklinge ein hauchfeines Scheibchen ab und frisst es mit Papier genüsslich auf.

1945

Februar: Nikolaus Nakszynski wurde ins Gefangenenlager Colchester (Essex) gebracht. Im Lager hatte er seine ersten Auftritte als Schauspieler vor den Mitgefangenen.

Nach zwei Monaten Ziegelei sollen wir nach England transportiert werden. Auf dem Weg zum Hafen von Ostende spucken uns die Leute von der Strasse an. Na, wenn schon!
Als wir in England aus den Laderäumen der Transporter kriechen, nachdem uns im Kanal deutsche U-Boote torpediert hatten und wir fast abgesoffen sind, ist der Krieg aus. Trotzdem bringen sie uns ins Gefangenenlager.
Die Lagerlatrinen in Colchester, Essex, sind der Treffpunkt aller. Das sind lange, sehr tiefe Gräben, über denen man auf rohen Balken sitzt und kackt. Und beim Kacken wird auch alles besprochen, geplant, ausgeheckt. Hier wird alles vorbereitet, Einbrüche, Ausbrüche, hier finden Verschwörungen statt, und hier ist auch der Markt der Hurer. Ein Fick wird - je nachdem mit dem After, mit dem Schwanz, mit dem Mund oder mit der Hand - mit einem Stück Seife, Tabak oder Zigaretten bezahlt. Vaseline wird aus Hammelfett von den Gefangenen selbst hergestellt.
Ein Junge wird tot aus der Scheisse gefischt. Wahnsinnige Nazis hatten ihn, nachdem der Krieg schon aus war, wegen "Landesverrat" zum Tode verurteilt, und auf der Latrine wurde er hingerichtet. Sie haben ihn in die Scheisse gestossen, in der er erstickte.
Colchester, Essex, wird Durchgangslager für entlassene Gefangene aus Kanada und USA. Sie bringen das erste Mal Lux-Seife, Jeans, Kaugummi, Camel, und Lucky Strike mit.
Jetzt kommt auch unser Lager dran, aber der Rücktransport dauert noch ein ganzes Jahr. Die Kranken zuerst. Ich bin nicht krank. Ich stelle mich die ganze Nacht nackt an die eiskalte Barackenwand, damit ich nierenkrank werde und bei der Untersuchung Eiweiss im Urin ist. Ich fresse ein Paket Zigaretten, heisse Ölsardinen, und trinke meine eigene Pisse, damit ich Fieber kriege. Es gibt keinen Kniff, den ich nicht anwende. Umsonst.
"Der bleibt", sagt das Arschloch von einem Arzt. Mir fehlt nichts. Ich bin nicht umzubringen.
Quelle: Klaus Kinski Buch Ich brauche Liebe, S. 69-70

1946

etwa April

Endlich, mit dem allerletzten Abtransport komme auch ich dran. Ein Jahr und vier Monate habe ich in diesem Zoo zugebracht! Ein Lastwagen nach dem anderen fährt aus dem Stacheldrahtverhau.
 
"Come on! Come on!"
 
Wenn ich gesagt hätte, dass ich in Berlin wohne, hätte ich im deutschen Auffanglager bleiben müssen. Nach Berlin darf vorläufig keiner. Ich gebe irgendein Provinzkaff an. Dann fälsche ich meinen Entlassungsschein. Beruf: Nachrichtenansager! Wie ich auf diese perverse Idee komme, ist mir schleierhaft. Ich habe noch niemals Nachrichten gehört.
 
Ich besitze einen amerikanischen Seesack, Blue Jeans, ein Hemd ohne Ärmel, ein Paar Schnürstiefel, zwei Stück Lux-Seife, eine Büchse Goldflag Tabak und sieben Mark.
 
Ich verkaufe ein Stück Seife auf dem Schwarzen Markt und ziehe weiter. Immer kreuz und quer. Ich schlafe in Bunkern oder im Gebüsch.
 
Auf einem Bahnhof lächelt mir ein Lockenköpfchen zu. Sie ist schon im Abteil. Ich steige zu ihr in den Zug. Während der Fahrt fressen wir uns gegenseitig die Zungen in den Mund. Ich gehe mit ihr auf die Zugtoilette und setze sie auf die Klobrille. Ich ziehe ihr nicht mal die Schlüpfer runter, ich zerre sie nur zur Seite. Ihr Loch ist warm und nass wie ein Kuhmaul.
 
In Heidelberg steigen wir aus.
 
Sie bewohnt eine niedliche Dachkammer in der Nähe des amerikanischen Headquarters, wo sie es mit allen treibt. Die Amis zahlen mit Lebensmitteln, Kaffee, Schokolade, Zigaretten, Alkohol und Geld. Natürlich auch mit Seife, Toilettenpapier und Nylons.
 
Wenn sie gegen Morgen mit verschmiertem Lippenstift zu mir ins Bett steigt, geht das Geficke erst richtig los. Sie ist erst sechzehn, aber sie kennt sich in den verschiedensten Stellungen aus und bringt sie mir alle bei. Ich habe noch nie so gut gelebt.
 
Wir ficken zirka drei bis vier Stunden. Nach dem Frühstück gehe ich spazieren und lasse sie bis mittags schlafen. Dann essen wir, und sie geht wieder zu den Amis.
 
Nach sechs Wochen habe ich es satt. Als sie bei einem Kunden ist, nehme ich meinen Seesack und verschwinde.
 
Die Züge sind so überladen, dass die Menschen aus Türen und Fenstern quellen. Ich bohre mich in ein Menschenknäuel und hänge die ganze Fahrt mit dem Kopf nach unten im Abteil, während meine Beine aus dem Fenster stecken.
 
Stuttgart. Kassel. Karlsruhe. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo das liegt. In jeder Stadt, in die ich komme, pumpe ich die Intendanten der Theater an. Manche geben mehr, manche weniger. Manche geben Zigaretten.
 
Von Tübingen schicke ich ein Telegramm nach Berlin. Als Absender gebe ich das Theater in Tübingen an. Meine Mutter wird mir bestimmt gleich antworten. Vielleicht kann sie mir ein bisschen Geld schicken oder ein paar Bonbons - wie einmal in ein Ferienheim. Da hatte sie mir Frühlingsblätter geschickt. Das sind grüne Blätter aus Bonbonzucker, wie Blätter von Bäumen. Sie kosten nicht viel und kleben in der Tüte immer zu Klumpen zusammen. Aber ich mag sie so gerne, und die Liebe von meiner Mutti klebte mit daran.
 
Ich gehe viel spazieren und trällere vor mich hin. Ich habe keine Sorgen und werde bald bei meiner Mutter sein. Ich habe zu essen und zu rauchen, und nachts schlafe ich in den Parkanlagen.
 
Die Sekretärin des Theaters macht einen Termin zum Vorsprechen aus. In der Mittagspause gehen wir in die Parkanlagen und ich zeige ihr, wo ich schlafe. Das Bett aus Blättern ist noch da von der vergangenen Nacht. Wir sind durch dieses dicke Gebüsch vor den Blicken der Fussgänger geschützt, aber ich muss ihr den Mund zuhalten, denn sie schreit bei jedem Stoss so laut, als stecke sie am Spiess. Ihr ganzes Unterzeug ist blutig. Ihr Jungfernhäutchen war so zäh, dass ich brutal zustossen musste.
 
Ich bin schon längst wieder auf der Strasse und lese immer noch das Telegramm von Arne:
 
"Mutti lebt nicht mehr stop
Von den anderen weiss ich nichts"
 
Ich weine nicht. Ich sehe alles in bunten, zerbrochenen Splittern. Wie früher, wenn wir als Kinder durch so eine Pappröhre gesehen haben. Man musste die Röhre schütteln, damit die Glassplitter darin zu einem neuen, fremdartigen Muster erstarrten. Ich sehe die Menschen nicht, die mir entgegenkommen, und renne in sie hinein. Auch nicht die Autos. Nur die bunten Glassplitter, die ewig ihr kristallenes Muster wechseln, das sich niemals wiederholt. Ich laufe ziellos herum. Erst gegen Morgen gehe ich in den Park und lege mich mit dem Gesicht auf die Erde. Ich wollte ihr doch einen Wintermantel kaufen und Fäustlinge und warme Schuhe für ihre Frostbeulen, und sie sollte echten Bohnenkaffee trinken und Brötchen mit Butter und richtigen Bienenhonig essen. Und es sollte eine Überraschung sein.
 
Heute morgen spreche ich den Melchthal aus Wilhelm Tell vor. Bei den Worten "In die Augen, sagt ihr? In die Augen...?", kann ich vor Weinen nicht weitersprechen, weil ich an die Augen meiner Mutter denken muss. Dann schreie ich auf: "... und hell in deiner Nacht wird es dir tagen!" Ich stürze von der Bühne und aus dem Theater.
 
Die Sekretärin holt mich auf der Strasse ein und sagt, dass ich einen Vertrag bekomme. Ich gehe mit ihr zurück, unterschreibe den Wisch, nehme fünfzig Mark Vorschuss und haue für immer ab.
 
[Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, S. 70-72]

1946

Anfang Jahr: Nach seiner Entlassung fährt Klaus mit einem "Lockenköpfchen" bis Heidelberg mit, haut aber nach sechs gemeinsamen Wochen ab und wird angeblich vom Theater in Tübingen engagiert, nachdem er mit dem Melchthal-Monolog aus Schillers Wilhelm Tell vorgesprochen hat. Schauspielerausbildung hat er keine und spielt trotzdem schon bald auch am Theater in Baden-Baden. Klaus erfährt nun auch, dass seine Mutter bei einem Tieffliegerangriff getötet wurde.

Ich gehe mit einer Wanderbühne mit. Sie spielen Operette, und ich muss singen. Mir ist alles recht, was mich Berlin ein paar Kilometer näher bringt. Ich glaube dem Telegramm meines Bruders nicht. Ich glaube nicht, dass meine Mutter tot ist.
 
Die Frau des Wanderbühnendirektors ist sehr jung. Sie hat einen zerküssten rosa Himbeermund und tiefe Ringe unter den schwarzen Kirschenaugen. Ich werde sie um jeden Preis vögeln.
 
Wir spielen in Vereinssälen und Kneipen. Was wir aufführen, ist nicht zu beschreiben. Um das Mass der Blödheit voll zu machen, sollen wir Charleys Tante spielen.
 
Wir fahren auf offenen Lastwagen und sitzen auf gusseisernen Gartenstühlen. Ich verfluche diese Brut, aber es geht nach Norden. In einer Ortschaft lassen sie uns sogar in dem lausigen Theater auftreten.
 
Der Park von Offenburg ist voller Menschen. Aber irgendwo muss ich diesen schwachsinnigen Text von Charleys Tante lernen. In dem Stall, in dem man mich einquartiert hat, drehe ich durch.
 
Auf einer Bank, im hellen Sonnenlicht, sitzt ein marokkanischer Soldat. Er grinst mich mit seinen gelben Zahnstummeln an und zeigt auf seinen Hosenschlitz und auf ein Päckchen Zigaretten in der anderen Hand. Dann zeigt er auf ein Gebüsch hinter sich. Er wiederholt die Pantomime ganz ungeniert: Hosenschlitz, Zigaretten, Gebüsch. Der muss eine Schraube locker haben. Der will, dass ich mit ihm in dieses mickrige Gebüsch gehe? Mitten auf den Blumenbeeten, um die die Leute latschen? Ausserdem hat er bestimmt die Syphilis. Und dann sind die gelben Gauloises, die er in der Hand hält, überhaupt nicht rauchbar. Sie sind eigens für die Fremdenlegion hergestellt, über den ersten Zug kommst du gar nicht hinaus, der wirkt wie eine Handgranate in der Lunge. Was bildet der sich ein!
 
Sonntags geben wir gleich zwei von diesen infamen Vorstellungen. Eine habe ich schon hinter mir, und ich klaue grosse fleischige Knupperkirschen auf der Landstrasse, vor der Dorfkneipe, in der wir spielen.
 
Neben mir klaut ein marokkanischer Soldat. Als er sieht, dass ich einen vollgeladenen Zweig erwische, will er ihn mir aus den Händen reissen. Ich trete ihn in den Arsch. Er stürzt sich auf mich und treibt mich mit vorgehaltenem Gewehr in die gegenüberliegende Kaserne.
 
Im Nu bin ich von einem Haufen Marokkaner umzingelt. Ich verstehe nicht, was sie quasseln, aber sie gebärden sich wie Menschenfresser und bedrohen mich mit ihren Bajonetten. Ein paar fummeln mir am Hosenschlitz rum. Mir scheint, sie sind besonders scharf auf blonde Knaben.
 
Ein grässlicher Trompetenstoss ruft die Horde zum Appell. Das ist meine Rettung. Sie stossen und trampeln mich aus dem Kasernentor. Der Wachtposten lädt sein Gewehr durch. Ich höre ganz deutlich das Schloss einschnappen. Die Patrone ist jetzt im Lauf. Er legt auf mich an.
 
"Hau ab und lass dich in den Arsch ficken!"
 
Ich bin noch nie so schnell gerannt.
 
Der Direktor und seine junge Frau übernachten in dem Gasthof, in dem wir seit zwei Wochen unsere widerlichen Vorstellungen geben. Tagsüber proben wir im Vereinssaal Charleys Tante.
 
Ich habe mindestens zwei Stunden Zeit, bis ich mit meinem Scheiss dran bin, und gehe pissen. Die Toilette ist im ersten Stock.
 
Wenn ich pissen gehe, muss ich an dem Doppelzimmer vorbei, in dem der Direktor mit seiner jungen Frau pennt. Und sie fickt, auch am Tag, in der Mittagspause, vor und nach den Vorstellungen, immerzu.
 
Es ist zehn Uhr vormittags. Die Zimmertür ist offen. Das Zimmer unaufgeräumt. Ich lausche, ob niemand kommt und trete ins Zimmer ein. Das Bett ist zerwühlt. Das Laken ist vollkommen versaut mit Flecken. Manche sind ganz frisch, noch feucht und cremig. Ich kriege einen Ständer. Als ich mich umdrehe, steht sie hinter mir.
 
"Was wollen Sie?"
 
"Dasselbe, was du willst."
 
"Was will ich denn?"
 
"Ficken."
 
"Du Schuft!"
 
Das Blut schiesst ihr ins Gesicht. Ihr Himbeermund wird dunkelrot. Ihre Augen kriegen einen silbrigen Glanz. Sie atmet schwer.
 
Ich nehme ein benutztes Handtuch und hänge es vors Schlüsselloch. Im Spiegel über dem Waschbecken sehe ich, wie sie sich den Rock hochzerrt. Sie zieht die Schlüpfer aus und stellt sich breitbeinig vor mich hin, das Becken vorgeschoben, die Knie etwas eingeknickt. Ihre geschwollene rauhe Zunge füllt meinen Gaumen aus. Ihr Bauch wächst gegen meinen Schwanz, als ob sie schwanger sei. Sie ächzt. Ihr Unterleib arbeitet wie eine Maschine. Sie spritzt und spritzt. Wir brechen in die Knie. Ich stosse meinen Schwanz von hinten bis zu den Hoden rein und zapple wie an einer Hochspannungsleitung - während sie, gepfählt, mit raushängender Zunge wie ein geschlachtetes Kalb verröchelt.
 
Ihr Mann will mir keinen Vorschuss geben. Ich schlage ihm auf der Strasse in die Fresse. Wieder ist es ein marokkanischer Soldat, der uns mit seinem Bajonett auseinandertreibt.
 
Ich haue ab, bevor es Abend wird, und nehme den Frack, den ich auf der Bühne trage, in meinem Seesack mit. Ich sage niemandem, dass ich verdufte. Die werden bei der Abendvorstellung schon merken, dass ich nicht mehr da bin.
 
Nach Berlin fahren nur Güterzüge. Ich muss eine Fahrkarte bis zum nächsten Kuhdorf lösen, damit ich durch die Sperre komme. Wenn es dunkel ist, werde ich über die Schienen laufen. Der Güterzug nach Berlin fährt um sechs Uhr früh ein.
 
Jeder, der die Militärsperre passiert, wird gefilzt. Eine Frau hat eine Flasche Milch in einer Tragtasche für ihr kleines Kind, das sie auf dem Arm trägt. Der französische Posten zerschmettert die Milchflasche auf dem Bahnsteig. Mir kann dieser Verbrecher nichts zerschemettern. Ich habe nichts ausser meinem Seesack und dem Frack. Ein Päckchen Zigaretten habe ich mir zwischen die Arschbacken geklemmt.
 

Bis zum Morgengrauen verstecke ich mich im Bremserhäuschen eines Waggons auf einem Abstellgleis. Ich stecke mir eine Zigarette an der anderen an, um nicht einzuschlafen. Mein Güterzug hat nur ganz kurz Aufenthalt, um ein paar Wagen anzuhängen. Ich darf ihn auf keinen Fall verschlafen.

 
Bis Frankfurt klappt die Reise. Von hier rührt sich der Zug nicht mehr vom Fleck. Man hat mir eine falsche Information gegeben.
 
[Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, 1991, S. 72-76]

8. November: Premiere des von Willi Schmidt inszenierten Stücks <a href=../buehne/dieratten Die Ratten</a> (Gerhart Hauptmann) am Schlosspark-Theater in Berlin.

Boleslaw Barlog holt Klaus Kinski für 110 Mark im Monat ans Berliner Schlosspark-Theater. Klaus übt mit dem Regieassistent G. W. [?Gert Weymann] und hat mit ihm eine sexuelle Beziehung.

Ich spreche am Berliner Schlossparktheater vor. Ich lüge so unverschämt, dass ich behaupte, den Hamlet dargestellt zu haben, obwohl ich das Stück gar nicht kenne.
 
Ich weiss nicht, ob mir jemand glaubt. [Boleslaw] Barlog engagiert mich nach dem ersten Vorsprechen.
 
[Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, S. 83]

1947

8. Januar: Premiere des Stücks Der Widerspenstigen Zähmung am Schlosspark-Theater in Berlin. Regie führt Boleslaw Barlog.

    Die erste Person, die ich darzustellen habe, ist die des Pagen im Vorspiel zu Der Widerspenstigen Zähmung. Dieser Page hat nichts anderes zu tun, als in Frauenkleidung den besoffenen Kesselflicker festzuhalten, damit er sich aus der Loge die Aufführung ansieht. Während dieser verblödeten zwei Stunden muss der Page ihm die Schnapsflasche aus den Händen reissen, sobald der Kesselflicker daraus saufen will. Natürlich ist das kein wirklicher Schnaps, nicht mal Fusel, sondern irgendeine warme Plärre. Irgend so ein Piss-Getränk. Nicht einmal Coca Cola. Nach einem vollen Monat habe ich es dick. Ich fülle Steinhäger in die Pulle. Jedesmal, wenn ich sie dem Kesselflicker weggerissen habe, nehme ich einen tiefen Schluck. Wenn die halbe Vorstellung vorbei ist, bin ich bereits besoffen... fange an zu feixen, torkle, aus der Pulle saufend, auf der Bühne herum und trete in den dämlichen Souffleurkasten. Der Vorhang fällt. Hinter den Kulissen werfe ich Barlog die leere Pulle hinterher, weil er mich zur Rede stellt. Morgens um fünf wache ich auf einer Bank am Bahnhof Zoo auf. Wie ich hierher gekommen bin, weiss ich nicht. Jemand fummelt an mir herum. Ich schubse ihn weg. Die alten Leute sagen, dieser Winter sei der grimmigste seit Jahrzehnten. Das Thermometer sinkt bis unter 28°. Ich habe noch immer keinen Mantel, und Barlog scheint das auch egal zu sein. Er ist, wie all die grässlichen Schauspieler, gut eingemummelt und hat immer eine grosse Thermosflasche und belegte Brote dabei. Er bekommt die beste Lebensmittelkarte, Nr. 1. Ich kriege die schlechteste, Nr. 3. Zu Hause kann ich nicht mehr übernachten. Wir decken uns mit Lumpenfetzen zu, mit Zeitungspapier und Pappe, Stoffstreifen um Hände, Füsse und Kopf. Wir haben noch immer keine Fensterscheiben, und der eisige Wind pfeift Tag und Nacht ins Zimmer; es schneit ins Bett und in unsere Gesichter. Als ich heute Abend mit der ungeheizten Strassenbahn zum Theater fahre, weine ich. Es ist nicht meine Armut, wegen der ich weine, auch nicht der Schmerz, den mir der Eisklumpen verursacht hat, der, durch das Loch in meiner Schuhsohle gepresst, sich um meinen nackten Fuss verkeilt. Es ist die Wut, die ich gegen dieses Theatergesindel habe. Der Hungerlohn, den mir Barlog zahlt. Mit dem ich nicht einmal das bisschen Fressen kaufen kann. Nach der Vorstellung verstecke ich mich im geheizten Theater und schlafe auf zwei Stühlen in der Garderobe. Der Portier verpfeift mich nicht. Aber als Barlog von irgendeiner Drecksau erfährt, wird es mir strengstens untersagt. [Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, S. 83-84]

Als Barlog sein Versprechen nicht hält, Kinski die Hauptrolle in Eugene O'Neills O Wildnis! spielen zu lassen, wirft Klaus ihm die Scheiben seiner Wohnung ein und verlässt das Theater. Er beginnt sich an Schauspielschulen herumzutreiben, zum Beispiel in der von Hannelore F. und ihrer Stieftochter Jutta S. oder an der von Marlise Ludwig. Dort trifft er auch aufden späteren "Teutonen-Sinatra" <a href=http://www.datacomm.ch/mik/hj/hj.html target=_top>Harald Juhnke</a>.

In meinem ersten [Marlise] Ludwig-Jahr kreuzte Klaus Kinski oft auf. Von dem war die Ludwig hingerissen. Und folglich auch ihre Schülerinnen. Kinski, damals einundzwanzig, hatte bereits seinen Krokodilsblick, mit dem er die Umwelt vereinnahmte oder abstiess. Er trat an kleineren Bühnen auf. Experten (wie die Ludwig) jubelten über sein gebündeltes Talent. Reporter frohlockten, weil das Talent so gern explodierte. Nachkriegsbürger erschraken. Klaus Kinski, so eine Art Rudi Dutschke der Berliner Theaterszene der Endvierziger Jahre, war immer gut für eine Schlagzeile. Mich verwirrte und entzückte er gleichermassen. Ich sass zu seinen Füssen, wenn er eine Rolle probte und danach kundgab, warum diese Rolle und weshalb auf jene Weise. Klaus erzählte nicht, er manifestierte. Ich fragte mich: Muss man als Schauspieler so sein? Wortlos kam ich mir ihm gegenüber vor. Wortlos und leise und brav. Er verströmte Barrikadenluft - ich schrubbte und kämmte mich. [Harald Juhnke seinem Buch Na wenn schon, 1988, S. 132-133]

Und wer hat Ihnen das Handwerk für die ersten erfolgreichen Schritte beigebracht?

Marlise Ludwig. Sie gab mir auch den Namen Harald. Harry fand sie zu unseriös. Sie war eine weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannte Schauspielerin und bildete viele berühmte Schauspieler aus. Klaus Kinski gehörte zu meiner Gruppe. Da hatten sich zwei Verrückte getroffen. Wir studierten Romeo und Julia, ich war Romeo und Kinski die Julia. [Harald Juhnke-Interview in: Schweizer Familie Nr. 13 (1998)]

Klaus wohnt bei der etwa 30jährigen Lotte R. und kennt den russischen Prinzen Sasha K.

    Eduard M. will mit mir Savonarola aufführen. Mich kotzt das Stück an. Ich will kein religiöser Irrsinniger sein, und es ist mir auch egal, wer die Bilder von Botticelli verbrannt hat. Eduard ist arm. Aus dem Sofa, auf dem er mich manchmal schlafen lässt, bohren sich mir die Sprungfedern in den Rücken. Seine Frau ist Barmädchen. Ihre Kunden sind Waffenhändler, die mit dem Geld um sich schmeissen. Manchmal bringt sie ein paar Scheine mit nachhause, dann kommen wir wieder über die Runden. Eduard ist auch Maler. Er malt scheussliche Bilder, auch ein riesiges Ölbild von mir in ganzer Figur, und Comic-Strips für Schundmagazine. Ausser seiner miefigen Neubauwohnung hat er noch ein kleines Atelier. Er benutzt es nicht zum Malen, sondern um seine Frau zu betrügen. [Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, S. 91-92]

Klaus Kinski wohnt für einige Jahre als Untermieter bei Familie Matzig in der Bonner Strasse 9 in der Künstlerkolonie in Berlin, die bis 1933 als Brutstätte der Linksintellektuellen gegolten hatte. Hier fällt er nicht weiter auf, da nur Schauspieler und Bühnenangehörige dort wohnen... Am Theater macht er sich rasch einen Namen für sein wildes Talent und sein gleich geartetes Temperament.

    Alfred Braun, der ehemalige Star-Reporter des Berliner Rundfunks, inszeniert mit mir Romeo und Julia [als Hörspiel]. Von der Gage [3000 Mark] miete ich mir mein erstes eigenes Atelier [in Friedenau]. Eigentlich ist es nur eine Waschküche über dem obersten Stockwerk eines Hauses. Aber der Raum hat ein grosses Atelierfenster, durch das viel Licht hereinflutet. Ich tünche die Bude weiss und schrubbe den Fussboden. Ich habe ein Bettgestell, einen Tisch, einen Stuhl und ein eigenes Klo, auf dem ich mich unter dem Wasserhahn mit kaltem Wasser wasche. Mehr brauche ich nicht. Mein bisschen Wäsche wasche ich selbst. Nachts schlafe ich nicht auf meinem Bett, sondern ich laufe durch die Parks und lege mich, wenn ich nicht mehr laufen kann, auf die blosse Erde und sehe in den Himmel. Wenn der Tag endlich wie eine langerwartete Geburt anbricht, gehe ich in mein Atelier und lege mich angekleidet aufs Bett. Ich brauche nicht viel Schlaf, drei, vier Stunden. <a href=../buehne/dieschreibmaschine Die Schreibmaschine</a> von Jean Cocteau. In einer Szene muss ich einen epileptischen Anfall kriegen. Der Regisseur [Otto Graf] hat noch nie einen epileptischen Anfall gesehen. Ich auch nicht. Deswegen fahre ich in die Berliner Charité und bitte den Chefarzt der psychiatrischen Abteilung, mir einen epileptischen Anfall zu beschreiben. Er will mich zusehen lassen, wie eine Patientin einen Elektroschock bekommt. Die Reaktionen seien die gleichen: der Körper der betroffenen Person, den man mit Starkstrom elektrisiert, verrenkt sich in krampfartigen Zuckungen. Die Zähne schlagen plötzlich und mit solcher Gewalt aufeinander, dass sie zerbrächen, würde man nicht ein Stück Gartenschlauch dazwischenklemmen. Schaum tritt vor den Mund. Die Augen quellen heraus. [Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, S. 94] Roberto Rossellini kommt nach Berlin, um Gesichter für seinen nächsten Film zu suchen. Das Wartezimmer des Produktionsbüros ist mit Schaspielern vollgestopft, die alle ganz geil darauf sind, in Rossellinis Film zu spielen. Rossellini telefoniert im Nebenzimmer mit Anna Magnani in Rom und hat anscheinend ganz vergessen, oder er weiss überhaupt nicht, dass wir da sind. Nach vier Stunden mit all den Pennern in dem verqualmten Raum platzt mir der Kragen. Ich verfluche diesen Rossellini und seinen Film. Rossellini reisst die Tür auf, lacht mir freundlich zu und sagt: "Wer ist das? Er interessiert mich. Macht Probeaufnahmen von ihm." Ich hasse es, Probeaufnahmen zu machen oder vorzusprechen. Dennoch lasse ich die Quälerei über mich ergehen. Rossellini bietet mir einen Vertrag. Aber das Theater lässt mich nicht weg. [Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, S. 95]

21. Oktober 1947 Premiere des Stücks <a href=../buehne/dieschreibmaschine Die Schreibmaschine</a> (Jean Cocteau) mit Klaus Kinski am Berliner Theater in der Kaiserallee. Das von Otto Graf inszenierte Stück bringt es auf über 160 Vorstellungen.

    <a href=../lex/fehling_juergen Jürgen Fehling</a>, der einzige lebende geniale Theaterregisseur, ruft mich zu sich. Ich spreche ihm vor [die Stücke Romeo und Julia und Die Räuber]. Sieben Stunden lang! Es ist sechs Uhr abends. Das Bühnenpersonal kommt bereits ins Hebbel-Theater, um die Abendvorstellung vorzubereiten. Fehling gibt mir eine junge Platzanweiserin auf die Bühne, damit ich in der Sterbeszene von Othello eine Partnerin habe. "Du hälst den Schnabel", sagt er zu dem verdatterten Mädchen, "egal, was Kinski mit dir macht, du bleibst reglos wie ein Stück Holz, gibst keinen Pieps von dir. Ich will nur seine Stimme hören." (Was das heissen soll "egal, was Kinski mit dir macht", was kann ich denn hier mit ihr machen?) Ich hasse diesen Kerl. Ich möchte lieber die Platzanweiserin ficken, die so betäubend aus dem Schlüpfer riecht, dass mir die Eier weh tun. Der hat nach sieben Stunden nicht genug! Der muss verrückt sein! Wir müssen abbrechen. In einer Garderobe soll ich ihm aus einem Telefonbuch vorlesen. Ich lese und lese und bringe ihn zum Lachen und zum Weinen. Von diesem Tag an lässt mich Fehling nicht mehr aus seinen Klauen. Ich ziehe wochenlang mit ihm herum, sehe seinen Proben zu, gehe mit ihm essen, und sitze ganze Nächte lang mit ihm in Kneipen herum. Er spricht und spricht, und manchmal falle ich vor Müdigkeit mit dem Gesicht in einen vollen Teller. [Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, S. 96-97]

Als der Theaterregisseur Jürgen Fehling von Otto Grafs Plan erfährt, den Oswald in Ibsens Gespenster mit Klaus Kinski zu besetzen, setzt er alle Hebel in Bewegung, um ihn davon abzubringen. Klaus hat auch schon einen Vertrag für 150 Mark pro Abend in der Tasche, aber nach Zureden von Fehling löst er den Vertrag, da Fehling ihm verspricht, ihn ans Berliner Hebbel-Theater zu holen, sobald er dort Intendant wäre.

Klaus Kinski fliegt mit einem Militärflugzeug nach München und besucht seine Schwester Inge in Schliersee.

    Als ich nach Berlin zurückkomme, war Fehling Intendant des Hebbel-Theaters, wurde aber sofort wieder gefeuert, nachdem er bekanntgegeben hatte, dass er zuerst einen Film drehen wird, in dem er selbst den lieben Gott darstellen will. Nach einem Vortrag an der Universität werfen Studenten nach ihm mit Steinen, dass er am Kopf blutet. Danach bleibt er verschwunden. Ich gehe zu Otto [Graf] und sage zu, den Oswald darzustellen. Ich brauche Geld. Frau Alving ist Maria Schanda. Nach der Szene, in der Oswald wahnsinnig wird, nimmt sie mich lange in die Arme, weil sie Angst um mich hat. Vor der Premiere gibt mir Otto Kokain, weil ich so heiser werde, dass ich kaum noch sprechen kann. Nachdem ich etwas von dem weissen Pulver durch die Nasenlöcher eingesogen habe, sind meine Atemwege und Stimmbänder wie durch Zauberhand befreit. Aber das Kokain trocknet meine Schleimhäute aus, die Zunge wird schwer und gehorcht mir nicht mehr, während ich der Täuschung unterliege, dass ich rasend schnell sprechen kann und mich so kräftig fühle, dass ich Bäume ausreissen könnte. [Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, S. 99]

25. März 1948 Premiere des Stücks <a href=../buehne/gespenster Gespenster</a> (Henrik Ibsen) am Berliner Theater in der Kaiserallee. Die Aufführungen sollen so intensiv gewesen sein, dass eine Frau ohnmächtig wurde, während eine andere eine Fehlgeburt erlitt.

    Bei der Vorstellung geht alles gut. Zuschauer schreien bei der Wahnsinnsszene auf. Manche stürzen aus dem Theater. Eine Frau wird ohnmächtig. Otto hätte mir das Kokain nicht geben dürfen. Er hatte mir noch ein Heftchen mit einem Gramm gelassen. Als ich die Hälfte von dem Gramm aufgebraucht habe, frage ich überall herum, wer Kokain verkauft. Die Gefahr bei diesem Mistzeug besteht darin, dass man nicht zur rechten Zeit merkt, wann man damit aufhören muss. Jeden Augenblick kann es zu spät sein, und man kommt nie mehr davon los, krepiert an einer Überdosis, an Verfolgungswahn, vergiftet sich mit Gas oder begeht auf andere Weise Selbstmord. Manche kommen in die Irrenanstalt, wo sie nach Wahnsinnsqualen verrecken. Andere werden sogar zu Mördern, um sich Kokain zu beschaffen. Ein Gramm habe ich noch zum Preis einer Wochengage gekauft und den Inhalt des Heftchens geschnupft - als mir bewusst wird, dass ich keinen Appetit mehr habe. Dass ich seit Tagen nichts mehr esse, statt dessen aber die letzten Körnchen aus dem Papier lecke, in welches das Kokain eingewickelt war. Ich habe in einem Restaurant Essen bestellt. Als der Kellner die Rechnung kassieren will, sieht er mich entgeistert an. Die vollen Teller stehen noch unberührt vor mir. Ich hatte Suppe, Hauptgericht und Nachspeise von mir geschoben und nur eine Zigarette nach der anderen geraucht. Ich hatte es nicht einmal wahrgenommen. Als ich mein Gesicht im Spiegel der Toilette sehe, weiss ich, dass es keine Rettung gibt, wenn ich nicht sofort Schluss damit mache. Jeden Tag Gespenster. Selbst in brütender Hitze. Auch Sonnabend Nachmittag. Sogar Sonntag Vormittag. Ein Mädchen bringt mir die ersten Sonnenblumen. Eine Journalistin will mich interviewen. Sie hat ihre Bluse absichtlich einen Knopf zu wenig zugeknöpft und trägt keinen Büstenhalter. [Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, 1991, S. 99-100]

An einer Matinee für die Volksbühne Berlin am Kurfürstendamm spricht Paul Wegener [gestorben am 13. September 1948] die Ringerzählung aus Lessings Nathan der Weise und Klaus Kinski spricht Rainer Maria Rilkes Cornet.

24. September 1948 Premiere von Eugen Yorks Flüchtlingsdrama <a href=../filme/morituri Morituri</a> in Hamburg. Klaus Kinski spielt darin seine erste Filmrolle. Am 16. November läuft der Film auch in West-Berlin an.

    Wolfgang Langhoff, der Intendant von Max Reinhardts Deutschem Theater in Ost-Berlin, hatte noch vor sieben Monaten abgelehnt, mich zu engagieren. Zuerst musste ich wochenlang warten, bis ich überhaupt vorsprechen durfte. Als es endlich so weit war, ich mir die Stimme aus dem Hals schrie, die Tränen aus den Augen weinte und mir Hände und Arme blutig schlug, hatte Langhoff gar nicht zugehört. Er frass Brote und rieb sich einen Fleck aus der Krawatte, auf die er sich gezuckerten Tee gekleckert hatte. Warum dieses Intendantengesindel bloss immer Angst hat, im Theater zu verhungern. "Kommen Sie in ein paar Jahren wieder", sagte er mit vollem Mund. "Vielleicht lässt sich dann was machen. Und essen Sie. Essen, essen! Sie sind ja so dünn, dass man Angst hat, Sie würden an ihren Gefühlsausbrüchen zerbrechen. Also, essen Sie tüchtig." Ich hätte dieser Qualle ihre Schwabbelbacken einschlagen sollen. Aber ich dachte - du kommst auch noch gekrochen! Und in ein paar Jahren bist du verreckt! Er kommt eher gekrochen, als ich dachte. Nach <a href=../buehne/gespenster Gespenster</a> bittet sein Verwaltungsdirektor mich durch einen höflichen Brief, ins Deutsche Theater zu kommen. Langhoff gibt mir einen Jahresvertrag für dreitausend Mark im Monat und sagt, dass ich mich nach Beendigung der Spielzeit entscheiden könne, ob ich meinen Vertrag um mehrere Jahre verlängern will. Natürlich für eine viel höhere Gage. Das erste Stück ist <a href=../buehne/massfuermass Mass für Mass</a> von Shakespeare. Ich bin Claudio, der ein junges Mädchen entjungert hat, ohne es vorher geheiratet zu haben, und dafür zum Tode verurteilt wird. (Ausgerechnet ich!) In der Kerkerzelle hat er Visionen, wie die Würmer seinen Leichnam auffressen werden. Es ist schwer für mich, mir vorzustellen, wie die Würmer mich auffressen werden. Ich denke nie an den Tod. Ich habe nicht mal richtig angefangen zu leben. Ich schleiche nachts auf Friedhöfen herum und steige in Gruften ein. Die verrosteten gusseisernen Luken sind schwer und kaum aufzukriegen. Ich zwänge mich durch die Öffnungen. Lehne mich an die mit Planen überdeckten Särge. Horche daran, ob ich irgend etwas höre. Lege mein Ohr auf Gräber und rufe die Toten, die mir keine Antwort geben. Ich muss die Antwort finden. Aber wie? Meine Empfindungen sind ein einziges Chaos. Schlingpflanzen, die mich zu ersticken drohen. Dschungel, aus dem ich mich herauskämpfen muss. Ich habe niemanden, der mir hilft. Ich werde die Schweissspur finden, wie ein Tier. [Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, 1991, S. 101-103]

15. Oktober 1948 Die Premiere des Stücks <a href=../buehne/massfuermass Mass für Mass</a> (William Shakespeare) eröffnet die Spielzeit 1948/49 der Kammerspiele des Deutschen Theaters in Berlin. Regie führt Wolfgang Langhoff. Klaus Kinski spielt den Claudio. Anschliessend wird ab 30. November das Stück Der Feigling (Stefan Brodwin) ohne Klaus Kinski aufgeführt.

    Die Vorstellungen von <a href=../buehne/massfuermass Mass für Mass</a> sind mir zuwider. Ich schnüffle überall wie ein Köter herum, um etwas Besseres zu finden. Schliesslich will Bert Brecht mich kennenlernen. Ich sehe bei einer Umbesetzungsprobe von Mutter Courage [und ihre Kinder] zu. Es ist bereits der dritte Monat, in dem er immer dieselbe Szene probiert. Jedes Wort, jede Bewegung eines Schauspielers wiederholt er tausend Mal! Ich werde ganz besoffen von so viel Stumpfsinn. Das müssen Analphabeten sein! Als er mich fragt, ob ich in sein Berliner Ensemble eintreten will, suche ich schnell nach einer cleveren Antwort. Aber Brecht ist selbst clever genug und legt mein Schweigen auf seine Weise aus: "Ich selbst müsste dir abraten, es zu tun. Ich habe hier im Osten Narrenfreiheit. Aber so viel Humor, wie man für dich haben müsste, haben die hier ganz sicher nicht." Ich zerbreche mir den Kopf, was ich anstellen kann, um nicht jeden Abend auftreten zu müssen. Ich besuche Arne in der Wartburgstrasse. Lege mich angekleidet in die volle Badewanne mit eiskaltem Wasser und krieche mit triefenden Kleidern in die Ruinen des ausgebombten Hinterhauses, wo ich bis zum Abend auf den Trümmern liegenbleibe. Ich will eine Lungenentzündung bekommen. Aber ich kriege nicht mal einen Schnupfen. Der Liebe Gott muss wirklich was mit mir vorhaben. Vor Wut, dass ich ins Theater muss, werfe ich die paar Möbel aus dem Fenster, die auf der Strasse zerschmettern. Als Mitglied des Deutschen Theaters bekomme ich Bons, mit denen ich einmal täglich im Theaterklub essen darf. Dieser Klub ist von den Russen eingerichtet und für alle zugänglich, die zu Oper, Ballett und Theater gehören. Natürlich auch für politische Bonzen. Im Klubrestaurant gibt es alles, selbst Krimsekt und Malossol-Kaviar. In erster Linie ist der Klub für die Bonzen da, und die Spitzel passen höllisch auf, ob von uns nicht etwa einer so frech ist, ein zweites Mal zu essen. Ich esse zwar keinen Kaviar und trinke keinen Sekt, weil ich das gar nicht bezahlen könnte, erlaube es mir aber, an einem Tag zweimal zu essen. Mittags und nach der Abendvorstellung, weil ich solchen Hunger habe. Prompt bekomme ich eine Verwarnung. Der Verwaltungsdirektor des Deutschen Theaters, der selbst zweimal täglich frisst, hatte mich gesehen und angezeigt. Derselbe Verwaltungsdirektor weigert sich eine Woche später, mir einen Vorschuss auf meine Gage zu bewilligen. Man kann über interne Treppen und Korridore von den Theatergarderoben direkt bis zu den Büroräumen gelangen. Ich bin bereits für die Abendvorstellung umgezogen und ausser dern langen Stiefeln im Kostüm, als ich den Scheisskerl an seiner Krawatte packe und ihn so lange ohrfeige, bis auf sein Blöken hin andere Büroangestellte hereinstürzen. Jetzt kommt auch Langhoff und verlangt, dass ich das Kostüm ausziehe, da ich mit sofortiger Wirkung gefeuert sei. Ich aber denke nicht daran, das Kostüm auszuziehen und stürme in meine Garderobe, um mir auch die Stiefel anzuziehen. Die Stiefel sind noch in der Schusterei. Da kann ich nicht hin, weil Langhoff, der Verwaltungsdirektor und die anderen Büroangestellten, die mir wie eine Reihe Gänse folgen, den Weg abschneiden würden. Also auf Socken die andere Treppe hinunter, ins Foyer. Die Reihe Gänse immer hinter mir her. Die ersten Zuschauer sammeln sich an der Abendkasse. Ich stürme an ihnen vorbei auf die Strasse. Überall Menschen, die ins Theater wollen. Da! Die Theaterkneipe! Ich kenne den Wirt gut. Auch die Theaterkneipe ist voller Leute, die vor der Vorstellung eine Bulette fressen oder einen kippen. Die Reihe Gänse, mit Langhoff an der Spitze, hat eine andere Treppe benutzt, die aus dem Foyer des Theaters in die Theaterkneipe führt. Ich renne ihnen direkt in die Arme. Die Hetzjagd geht über Tisch, Stühle, Gäste. Ich springe auf einen Tisch. "Wenn ihr euer Kostüm zurückhaben wollt, hier ist es!" Ich fetze mir das Kostüm vom Leib. Zerbeisse es stückweise. "Das ist für dich! Und für dich! Da! Friss es auf, wenn du willst! Nie wird es jemand anders nach mir tragen!" Die Ratte von Verwaltungsdirektor leidet bei jedem Stofffetzen. Ich zerstückle das Kostüm in so winzige Teile, dass man es nie mehr zusammenflicken kann. Hindern können sie mich nicht daran. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand und werde jedem einen Tritt gegen den Kopf versetzen, der sich mir nähert. Dann bin ich nackt. Der Kneipenwirt wirft mir einen Mantel über und versucht, mich zu beruhigen, denn ich weine schreiend vor Wut und Ekel über diese Brut. Die Reihe Gänse zieht mir ihren Stofffetzen ab. [Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, 1991, S. 104-106]

So verlässt Klaus Kinski das Deutsche Theater und mietet sich ein neues Atelier an der Brandenburgischen Strasse. Bruder Achim kehrt aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück und landet wegen einer Sache mit Pelzmänteln im Knast. Auch Klaus hat Knatsch mit der Polizei und landet in einer Zelle.

Klaus Kinski verbringt dann zwei Monate in einem Gartenhäuschen an der Clayallee.

?Ein israelisches Mädchen will Klaus heiraten, jedoch ist er bereits verheiratet.

?Während einer Reise nach München handelt sich Klaus ein Verfahren wegen Beamtenbeleidigung ein. In Abwesenheit wird er zu vier Monaten Gefängnis oder 3'000 DM Strafe verurteilt. Sein Anwalt A. T. kann das Urteil schliesslich in vier Jahre Bewährung umbiegen.


<a href=../index.html target=_top>Klaus Kinski 1926-1991</a> | <a href=../index.html target=_top>E-Mail</a> (c) Michael 1998-1999</center>

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