Ideal: Unterschied zwischen den Versionen

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[[image:country_de.gif]] Deutsche Rockgruppe ; gegründet Anfang 1980, aufgelöst März 1983
* [http://www.backagain.de/ndw/ideal.htm Back again: Neue Deutsche Welle] - Kritiken zu allen Ideal-Alben
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[[image:ideal01.jpg|right|framed|Ideal]] Die Gruppe <b>Ideal</b> wurde Anfang 1980 in Berlin gegründet. <b>[[Annette Humpe]]</b> (ex-[[Neonbabies]]) und Gitarrist <b>[[Frank-Jürgen Krüger]]</b> (ex-Release Music Orchestra) kamen vom eben aufgelösten New Wave-Sextett X-Pectors. Zu ihnen gesellte sich <b>Ulrich "Ulli" Deuker</b>, der vorher bei der Politrockband Linkerton und danach beim Jazz-Quintett Margo gespielt hatte. Komplettiert wurde die Gruppe durch <b>"Hansi" Behrendt</b>, der u. a. in Volker Kriegels Mild Maniac Orchestra als Percussionist und zuletzt bei den [[Neonbabies]] als Schlagzeuger beschäftigt war und dort auch Humpe und Krüger getroffen hatte. Überdies hatten Deuker und Behrendt bereits in der Deutschen Bundesband zusammengespielt.
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Bereits im Februar 1980 nahm Ideal im durch Berliner Senatsgelder finanzierten "Beat-Studio" in Wilmersdorf ihre erste Single <i>Wir stehn auf Berlin</i> auf, eine flotte Pop-Rock-Mischung mit der B-Seite "Männer gibt's wie Sand am Meer", das mit seinen abgehackten Riffs von Annette's unterkühlter Stimme lebte und eigentlich ein Schlager aus den 1950er Jahren war. Auf eigene Kosten liessen sie die Platten pressen und versuchten sie in den Läden zu verkaufen. Heute wird sie als Rarität gehandelt. Fern vom "aufgesetzten Weltverbesserungs-Pathos" (<i>Tip</i>) eines [[Udo Lindenberg]], bar jeder lärmenden Fröhlichkeit pubertärer Bands der Neuen Deutschen Welle, wollte das Quartett "moderne Tanzmusik" machen und "sauber, direkt und ironisch Geschichten erzählen". "Voller Kühle und Fatalismus" (<i>Sounds</i>) legten Ideal "den Knäuel von Ticks und Macken bloss, der sich hinter aufgesetzten Masken von Stil und Moden der neuen flotten Szene-Generation verbirgt: Spannung, Frustration, Selbstmordgedanken und Untergangsgefühle" (<i>Der Spiegel</i>).
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Ihren ersten grossen Auftritt hatte die Gruppe im Mai 1980 beim Berliner Rock-Circus im "Tempodrom", wo auch ein Auftritt für Rundfunk und Fernsehen mitgeschnitten wurde. Im August spielte Ideal vor dem Deutschen Reichstag in Berlin als Vorgruppe der Softrocker von Barclay James Harvest und unterschrieben danach ihren ersten Plattenvertrag. Im November 1980 wurde die erste LP für Klaus Schulzes Label IC (Innovative Communication) veröffentlicht. Sie verkaufte sich zuletzt über 500'000 mal und erreichte Platz 3 der deutschen Hitparade. Ab März 1981 gingen Ideal auf eine grosse Tournee durch die Bundesrepublik und die Schweiz. Unter anderem spielte die Gruppe auf der Berliner Waldbühne vor 22'000 Besuchern während der SFB-Rocknacht im August 1981. "Die gefährliche Seite ist, dass ich plötzlich mit dem, was ich da innerhalb der Gruppe mache, von Hunderttausenden von Leuten ganz wichtig genommen werde", bekannte Annette Humpe.
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Die musikalischen Arrangements der Band kamen von allen Gruppenmitgliedern, während Annette meist für die Texte sorgte. Die Sängerin betonte: "Ich habe keine Message." Sie hatte eher eine Vorliebe für Wortkombinationen, die ihr gefielen und Assoziationen weckten. "Deine blauen Augen machen mich so sentimental", raunte Annette, während "Eff Jott" Krüger den Chauvi raushängen liess: "Es macht mir Spass, ein Schwein zu sein." Ideal wurde immer wieder der Vorwurf gemacht, ihr Programm kühl abzuspulen, keine Gefühle zu zeigen und keine Kommunikation mit dem Publikum zustande zu bringen. Das sah jedoch Frau Humpe gar nicht so: "Also bei mir ist das so, dass ich bei der ganzen Musikmacherei nur zwei geile Momente erkennen kann: Das ist der Moment im Überaum, wenn ein Stück entsteht, weil das doch irgendwas Göttliches hat. Und der andere Moment ist, wenn du auf der Bühne bist und das Stück fliegen lässt. Und das erreicht die Leute. Und du siehst, das funktioniert." Trotzdem: Distanzierte Betrachtungen der Umwelt, kühlwitzige Parodien auf Auswüchse der Gesellschaft beherrschten oft das Bild der Ideal-Stücke. Thematisch reicht der Bogen von der Einsamkeit der Einzelnen über die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, der Unmöglichkeit, sich immer und zu jeder Zeit zurechtfinden zu können bis zu einer ironisch-distanzierten Betrachtungsweise der eigenen Rolle, die jeder in diesem Wirrwarr spielt.
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Ideal wollte den deutschen Schlager sanieren, in eine zeitgemässe Form bringen, aber in keine Uniform zwingen. Deshalb auch der Hinweis: "Unsere Musik ist unabhängig von der Neuen Deutschen Welle entstanden. Wir machen Tanzmusik und Schlager, nicht Punk und nicht New Wave." Mit dem im Oktober 1981 veröffentlichten zweiten Album <i>Der Ernst des Lebens</i>, für das schon vor Erscheinen 100'000 Vorbestellungen vorlagen, konnten Ideal (längst zur WEA gewechselt) den hohen Standard des Debüts halten. Inzwischen war nicht nur das benachbarte Ausland auf die junge, dynamische Band aufmerksam geworden. Auch in England und den USA nahm die Musikkritik das Berliner Quartett wahr, in der Regel überaus positiv. So attestierte z. B. der <i>Melody Maker</i>: "Ideal könnten Europa's Antwort auf die B-52's werden. Schräge Orgelmelodien, sprunghafte Tanzrhythmen, Bubblegum-Chöre als Rahmenwerk für ihren stilvollen, munteren Pop, eine seltsame Mischung aus Surf-Punk, Garagen-Psychedelic und ZE-Funk", und das US-Branchenfachblatt <i>Billboard</i> stufte Ideal als "Deutschlands wichtigste Gruppe seit Kraftwerk" ein. Vom 21. November bis zum 21. Dezember 1981 gingen Ideal auf ihre zweite Deutschland-Tournee.
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Das Phänomen Ideal zeigte sich am deutlichsten, wenn die Gruppe mit anderen Bands in einer Veranstaltung zusammen spielte ("Rockpop", ZDF, 21.10.1982): Ideal erweiterte das übliche Spektrum der Rockformationen vom Exotischen bis zum Polaren. Ein grosser Reichtum von Nuancen lebte in den Ideal-Songs, die das Umfeld des Alltäglichen meiden und geheime Träume, Sehnsüchte und Phantasien schildern, das Ambiente des Menschen im 20. Jahrhundert in surrealistischer Schärfe darstellen. Bei einer Analyse der Ideal-Texte fällt auf, dass im Grunde die Sprache dieser Songs alltäglich, ja banal ist, und dass vielfach die Sprache der "normalen" Rockmusik wirklichkeitsfremd ist und mit Bildern arbeitet, die nur scheinbar der Realität entnommen sind. Die Texte von Ideal sind auf eine faszinierende Weise konkret, zwingend und eingängig. Der Vergleich mit heute und populären Liedern der 1920er und 1930er Jahre von Igelhoff, Holländer oder Kreuder drängt sich auf. Die in ihnen enthaltenen exotischen und surrealistischen Momente ("Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten", "Mein Papagei frisst keine harten Eier") finden sich auch in Ideal-Songs wieder ("Sex in der Wüste", "Hundsgemein"). Die Songs stellen in exponierter Form eine Essenz kultureller Gegenwart in der populären Musik der frühen 1980er Jahre dar.
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Die Leute von Ideal mussten jedoch schon bald erkennen, dass sie ihr Konzept nicht durchhalten konnten. Unzählige Bands, von den Plattenkonzernen in der Retorte hochgezüchtet, gelang es tatsächlich, mit platten Texten und ebenso schlaffer Musik kurzzeitig den deutschen Schlagermarkt heimzusuchen. Was von Ideal wohl nicht ganz so ernst gemeint war, wurde von anderen (z. B. [[UKW (Band)|UKW]] oder [[Hubert Kah]]) für bare Münze genommen und - nicht ohne Erfolg - in die Tat umgesetzt.
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Mit dem dritten Album <i>Bi nuu</i> (1982) versuchte sich die Band nochmals positiv von den neuen Schlagerfuzzis abzusetzen. Trotz wohlwollender Kritiken kam die LP beim Publikum nicht sonderlich an. Ende November 1982 durften Ideal wie auch [[Trio]] noch eine "Goldene Europa", den Show-Preis des Saarländischen Rundfunks, in Empfang nehmen. Doch das Ende war bereits in Sicht. Nachdem <i>Bi nuu</i> gerade mal Platz 20 der deutschen Hitparade erklommen hatte, also weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben war, wurde eine bereits angekündigte Deutschlandtournee kurzfristig abgesagt. Am 31. März 1983 wurde ein Telex an die Medien verschickt: "Die Gruppe [[Ideal]] löst sich auf. [[Ideal]] war von Beginn an als ein Projekt geplant, eine Arbeitsgemeinschaft, die so lange bestehen sollte, wie die Unterschiede der einzelnen Mitglieder die Arbeit spannend und kreativ machte. Unsere Musik war immer ein Resultat der Auseinandersetzung von vier verschiedenen Persönlichkeiten, nicht um Kompromisse, sondern um Songs zu (er-)finden, auf die jeder stehen konnte. In drei tollen Jahren haben wir aus dieser Konstellation das Beste rausgeholt."
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Für die Fans wurde einige Monate später noch das Live-Album <i>Zugabe</i> (1983) nachgeschoben.
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[[Annette Humpe]] hatte bereits Anfang 1983 mit dem [[DÖF]]-Unternehmen ihre Solokarriere eingeläutet, Deuker tauchte praktisch völlig weg, während Krüger und Behrendt (u. a. Bamboo Industry, Chinchilla Green) als Sessionmusiker in die zweite und dritte Reihe der deutschen Popszene zurücktraten.
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===Besetzung===
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| 1980-1983 || <b>[[Annette Humpe]]</b> (vocals) || geboren 28. Oktober 1950 in Hagen
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| 1980-1983 || <b>[[Frank-Jürgen Krüger|Frank-Jürgen "Eff Jott" Krüger]]</b> (guitar, vocals) || geboren 24. Dezember 1948 ; gestorben 2007
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| 1980-1983 || <b>Ernst Ulrich "Ulli" Deuker</b> (bass) || geboren 13. Juli 1954
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| 1980-1983 || <b>Hans-Joachim "Hansi" Behrendt</b> (drums) || geboren 15. Februar 1955
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[[Kategorie:Ideal]] [[Kategorie:Musiker (Deutschland)]]
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[[category:Musiker (Deutschland)]]
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http://members.aol.com/johnmduck/humpe/main.htm
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Rezension
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Band Ideal
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CD: Der Ernst des Lebens
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Label: 
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Wenn es DIE NDW-Band überhaupt gibt, dann zweifellos Ideal. Ihr erstes Album 1980 ("Ideal") sorgte für Furore in ganz Deutschland und über Nacht wurden sie mit den Clubhits "Blaue Augen" und "Berlin" berühmt. Keine andere Band versprühte das graue Flair der geteilten Stadt Berlin mit ihrem antifaschistischen Schutzwall und brachte - mal ironisch, mal derb - das Lebensgefühl der frühen Achtziger auf den Punkt. "Der Ernst des Lebens" knüpfte 1981 problemlos an den Erfolg des Debut-Albums an und die Single "Eiszeit" kletterte erneut ganz hoch in die Charts. Im Mittelpunkt stand weiterhin die mal grelle, mal melancholische Stimme von Sängerin Annette Humpe. "Eiszeit" thematisierte die zunehmende Vereinsamung, Kühle und Isolation der Menschen. "Feuerzeug" ist ein song, der vor sich einlullend hindudeld und gerade deshalb eine ganz besondere Faszination ausübt. "Schwein" beschreibt die dunkelsten Triebe der Männer (deshalb auch nicht von Humpe, sondern Behrends gesungen). Gnadenlos der Refrain:"Ich habe unendige Lust fies und gemein zu sein / es macht mir einen Höllenspaß so wie ein Schwein zu sein / Ich lüg' dich an mit einem Lachen - das fällt dir gar nicht auf / Ich kann noch ganz and're Sachen machen, da kommst du gar nicht drauf...." Der eigentliche Insider-Clubhit von Ideal ist allerdings "Erschießen" ("komm, wir lassen uns erschießen, zwei Schüsse mitten ins Gehirn. Komm wir lassen uns erschießen, ich hab nichts zu verlier'n..."). Es ist eines jener Songs, die gnadenlos abgehen und diese IDEAL-Platte zu einem ganz besonderen Erlebnis machen. "Monotonie" als zweite Singleauskopplung überrascht durch ungewohnte Leichtigkeit, Witz und karibischem Flair - an Abwechslung mangelt es also auch nicht.
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http://www.taurus-press.de/rockd/II03.html
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Ideal
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Ab April 1980 firmierten Annette Humpe (Gesang, Keyboards), der Bassist und Sänger Ernst Ulrich Deuker (13.7.1954), der Gitarrist und Sänger Frank Jürgen (Eff Jott) Krüger (24.12.1948) und der Schlagzeuger, Percussionist und Sänger Hans-Joachim Behrendt (15.2.1955) offiziell als Ideal. Noch im Februar des Jahres traten Humpe - die auch bei den Neonbabies mitwirkte - und Krüger mit anderen Musikern, darunter der Neonbabies-Drummer Toni Nissl, im Kant Kino mit den X-Pectors auf, bevor man diese Formation im März aufgab und mit leicht veränderter Besetzung als Ideal reformierte.
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Annette Humpe, die bereits mit sechs Jahren Klavierstunden erhielt, später sechs Semester Komposition und Klavier an der Musikhochschule Köln studierte, hatte erste Spontanauftritte gemeinsam mit ihrer Schwester Inga. Erste Banderfahrungen machte die in Herdecke / Ruhr geborene Musikerin mit den Formationen "Group Therapy" und "Pink Wave". Später sang und spielte sie gemeinsam mit Inga Humpe kurzfristig bei den Neonbabies, bevor sie mit Eff Jott Krüger von den X-Pectors zu Ideal wechselte. Eff Jott Krüger, nach eigenem Bekunden ein "53 Jahre alter, perverser Gitarrist und Sänger" - für die Medien ein gefundenes Fressen - hatte einschlägige Erfahrungen im Jazzbereich. Ein Kurzgastspiel beim Release Music Orchestra steht in seiner musikalischen Biographie. Auch Ernst-U. Deuker kam vom Jazz-Rock, den er u.a. mit der Gruppe Margo auf die Bühne brachte. Hansi Behrendt schließlich, ein gelernter Percussionist, tourte mit Deutschlands Nr.1-Jazz-Gitarrist Volker Kriegel und dessen Mild Maniac Orchestra, bevor er zum Schlagzeug fand und sich innerhalb kürzester Zeit bei den Neonbabies, der Deutschen Bundes-Band (wo er Deuker traf) und eben Ideal zu einem der Topschlagzeuger der deutschen Musikszene entwickelte.
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Der MUSIK EXPRESS druckte später nach der ersten LP-Veröffentlichung: "Ich empfinde es als Wohltat und einen starken Schritt der Musiker, den ach so kulturellen Background zu verleugnen und sozusagen unter Niveau zu spielen, was nichts weiter heißt, als unter der eigenen Leistungsgrenze. Zugunsten einer in Deutschland selten gehörten Lockerheit. Weniger ist mehr". Der Rezensent reagierte damit auf Diskussionen innerhalb der Szene, inwieweit eine Musik, wie sie Ideal Mitte '80 dem deutschen Hörer präsentierte, von ehemaligen Jazzern und Jazz-Rockern als authentisch akzeptiert werden dürfe.
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Im Mai 1980 veröffentlichte Ideal die erste, für das bandeigene Eitel Imperial-Label produzierte Single "Wir stehn auf Berlin" / "Männer gibt's wie Sand am Meer", die schon bald vergriffen war. Am 2.5. - während Spliff im Kant Kino debütierten - hatte Ideal ebenfalls den ersten Auftritt in der TU Mensa in Berlin. Der erste wesentliche Gig fand allerdings - auch im Mai - im Tempodrom beim Berliner Rock Circus (neben Bel Ami, PVC, Tempo und Z) statt, der für Radio und Fernsehen mitgeschnitten wurde. Die ARD strahlte das Ereignis später unter dem Titel "Sie verlassen den amerikanischen Sektor" aus. Auch ohne Langspielplatte hatte Ideal viel Presseresonanz: ein Medienphänomen, das selten zu beobachten ist. Diese Präsenz im deutschen Blätterwald steigerte sich im Spätsommer ins Unermeßliche. Die britische Romantic-Rockband Barclay James Harvest, vor allem in der Bundesrepublik erfolgreich, ließ sich auf dem Gelände des Berliner Reichstages ein Danke schön-Open Air (das für Promotion, Liveaufnahmen, Film- und Videoproduktionen ausgenutzt werden sollte) für die deutschen Fans organisieren. 150.000 Besucher kamen auf das Gelände nahe der Mauer und waren besonders von Ideal begeistert, eine von mehreren Gruppen, die für das Vorprogramm verpflichtet wurden. Gerade die vier Musiker waren die großen Nutznießer dieser Großveranstaltung. Die Fernsehnachrichtensendungen Tagesschau und Heute reagierten auf das Rockereignis. Aber nicht Barclay James Harvest flimmerten im August 1980 in die deutschen Wohnzimmer, sondern Ideal. Das bedeutete den bundesweiten Durchbruch für die Neo-Schlager-Formation aus Berlin. Unmittelbar nach dieser Bewährungsprobe gingen die vier Musiker ins Studio, um für das von Synthesizer-Spezialist Klaus Schulze ins Leben gerufene IC (=Innovative Communication)-Label die erste LP zu produzieren. Die erschien im November 1980 und bereits einen Monat später waren 13.000 Einheiten abgesetzt. "20.800 LPs müssen verkauft werden, um die Kosten der Produktion wieder einzuspielen," hatte das alternative Kleinlabel bei Veröffentlichung verlauten lassen, froher Hoffnung, aber keineswegs im festen Glauben an den kommerziellen Erfolg.
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Am 9. Januar 1981 durfte Ideal den Titel "Rote Liebe" im ZDF-Kulturmagazin "Aspekte" vorstellen. Bei einer ersten kurzen Konzertreise durch die BRD im Februar mußten bei überraschend großer Publikumsresonanz erste Zusatzkonzerte angesetzt werden. Im März schließlich ging man zusammen mit anderen Berliner Bands (darunter Morgenrot und die Insisters) im Berliner Rock Circus-Package auf Deutschlandtournee durch zehn Städte. Im Mai waren bereits 70.000 Einheiten des Albums verkauft, über das SOUNDS schrieb: "Ideale Tanzmusik, die dazu angetan ist, die belanglosen Synthiespielereien der Möchtegern-Avantgarde als auch die auf der Stelle stapfenden Popper und Wopper-Rhythmen aus dem Recorder zu verdrängen".
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Erste Auslandsauftritte führten Ideal im Juni 1981 zu den deutschsprachigen Nachbarn. Das Album stieg bis auf Platz 3 in den deutschen LP-Charts. Ideal verließ das IC-Label und unterschrieb einen neuen Vertrag beim WEA-Konzern in Hamburg. Im Juli zeichnete der WDR-"Rockpalast" ein Konzert in Köln auf, im August trat Ideal vor 22.000 Fans auf der Berliner Waldbühne vor die Kameras der SFB-Rocknacht-Macher. Dieser Auftritt wurde bundesweit ausgestrahlt. Danach begann die Studioarbeit am zweiten Album. Gemeinsam mit dem Produzenten Conny Plank entstand "Der Ernst des Lebens".
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Mit der Veröffentlichung im Oktober erhielt Ideal die erste Goldene Langspielplatte für das LP-Debüt (mehr als 250.000 verkaufte Exemplare). Damit wurde zum ersten Mal in der BRD auch ein Produkt einer unabhängigen Plattenfirma vergoldet.
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Die Band feierte diesen Triumph u.a. in der Live-Sendung "Litera-Tour", die während der Frankfurter Buchmesse vom ZDF produziert wurde. 70.000 Fans sahen Ideal bei 27 ausverkauften Konzerten während der Reise 81/82, die schwerpunktmäßig im November und Dezember über deutsche Bühnen ging. Auch in Wien und Zürich gab man seine musikalische Visitenkarte ab. "Tanzen ist wieder wichtig. Tanzmusik deshalb auch - von Ideal: modern, treibend, dann und wann ein illustrierender Schlenker ins Morgenländische oder sonstwohin", umriß der MUSIK EXPRESS die neuen Aspekte von "Der Ernst des Lebens". SOUNDS ergänzte: "Die Geschichten, die Ideal erzählen, waren nicht länger 'banal' munter, sondern voller Kühle und Fatalismus".
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Beim Abschlußkonzert zugunsten der Berliner Hausbesetzer erhielt Ideal die zweite Goldene, diesmal für "Der Ernst des Lebens" (Platz 4 in den Albumcharts). Der MELODY MAKER schrieb über Ideal: "Ideal könnten Europas Antwort auf die B-52s werden. Schräge Orgelmelodien, sprunghafte Tanzrhythmen, Bubblegum-Chöre als Rahmenwerk für ihren stilvoll mutierten Pop, eine seltsame Mischung aus Surf-Punk, Garagenpsychedelic und ZE-Funk". Ernst Ulrich Deuker gab dem Reporter des NEW MUSICAL EXPRESS auf die Frage zum Ideal-Stil zu Protokoll: "Wir bringen die gute Tradition des deutschen Fünfziger-Jahre-Schlagers auf den Stand der Achtziger." Das amerikanische Branchenblatt BILLBOARD schließlich erkannte in Ideal "Deutschlands wichtigste Gruppe seit Kraftwerk". Am 5. Februar erhielt Ideal Platin für 500.000 verkaufte Platten des Erstlings.
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"Der Ernst des Lebens" wurde in Holland, Belgien, Frankreich und Dänemark veröffentlicht. Auftritte in Frankreich ('live' für die französische Radio- und Fernsehsendung 'Feedback', die die LP zur Platte der Woche erklärte), Holland (No Nukes-Festival in Utrecht) und Belgien (im Vorprogramm von John Watts, Ex-Fisher Z) folgten. Und in Deutschland standen sie neben Trio, Roger Chapman, Black Uhuru, Wolfgang Ambros, Frank Zappa, u.a. bei den Happy Summernight Open Airs in vier Freiluftarenen auf der Bühne. Längst hatte die Band mit den Vorbereitungen für die dritte Langspielplatte begonnen, unterbrochen durch die Veröffentlichung von "Der Ernst des Lebens" in England, Konzerten in London, beim Roskilde Festival in Dänemark und einem Open Air in St. Gallen. Abschluß der Sommeraktivitäten bildete ein Konzert beim Jazzfestival in Montreux / Schweiz. Die erste LP ging von IC in den WEA-Katalog über. Die Single "Monotonie" wurde in Australien veröffentlicht.
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Fernab vom heimischen Berlin entstand im September und Oktober 1982 im Sound Mill Studio in Wien unter der Regie von Gareth Jones und Micki Meuser (Nervous Germans, Ina Deter Band) das dritte Album "Bi Nuu". "'Bi Nuu' ist keinesfalls zu verwechseln mit dem sanften Saxol, vielmehr ist es vergleichbar mit dem außergewöhnlichen Kopflan. Obwohl es sich noch immer deutlich unterscheidet vom bahnbrechenden Punk-Stil, das wiederum doch kein Ersatz für das strenge Aktul war, könnte man es genauer genommen als Weiterentwicklung des epochalen Sülzerol und dessen bewährten Nachfolgers Doopelklirrdon bezeichnen". Mit solchen Pressetexten ironisierte Ideal die Interpretierfreudigkeit deutscher Journalisten, denen man mit dem Phantasiewort "Bi Nuu" Wasser auf die Mühlen gegossen hatte. Diese bewußte Abstraktion konnte auch als Abgrenzung gegen alles Wellen-Denken jener Tage verstanden werden. Auch musikalisch hatte man sich gelöst von etwaigen Erwartungshaltungen, um dem Erfolgsdruck zu entgehen. Einzige Maxime für die neuerliche Studioarbeit war "dem eigenen Geschmack, der eigenen Lust zu folgen".
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Das Ergebnis war ein Album von bestechender Leichtigkeit und stilistischer Vielfalt und Offenheit. Am 27.1.1982 strahlte das deutsche Fernsehen den Single-Titel "Keine Heimat" im Rahmen der Verleihung der "Goldenen Europa" des Saarländischen Rundfunks (mit Ideal als Preisträger) aus. Mit "Ask Mark ve Ölum" war auch ein Titel in türkischer Sprache auf "Bi Nuu" vertreten. Beim Benefizkonzert für den Frankfurter Club Batschkapp (wo Ideal eines ihrer ersten Konzerte gab) in der Offenbacher Stadthalle gab Ideal -wie sich später herausstellen sollte- das letzte Konzert der kurzen Karriere. Im Dezember stieg "Bi Nuu" in die Charts ein, erreichte allerdings als höchste Notierung nur den 20. Rang. Die Umsätze blieben hinter den Erwartungen der Plattenfirma zurück. Eine zunächst geplante, neuerliche Deutschlandtournee wurde abgesagt. Am 31.3.1983 erreichte ein Telex der Gruppe die Medien: "Die Gruppe Ideal löst sich auf. Ideal war von Beginn an als ein Projekt geplant, eine Arbeitsgemeinschaft, die so lange bestehen sollte, wie die Unterschiedlichkeit der einzelnen Mitglieder die Arbeit spannend und kreativ machte. Unsere Musik war immer Resultat der Auseinandersetzung von vier verschiedenen Persönlichkeiten, nicht um Kompromisse, sondern Songs zu (er-) finden, auf die jeder stehen konnte. In drei tollen Jahren haben wir aus dieser Konstellation das beste rausgeholt."
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Erst im Juni des Jahres erschien mit "Zugabe" ein Live-Album der Berliner Band, ein "Andenken, Abschiedsgruß und Dankeschön an die Fans" (Ideal) mit allen Hits, dem unveröffentlichten Titel "Acryl", der ersten Single-Rückseite "Männer gibt's wie Sand am Meer" und dem neu abgemischten "Schöne Frau mit Geld".
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Zur gleichen Zeit, da man in Deutschland für "Zugabe" warb, erschienen auch Anzeigen für das Albumdebüt der Wiener Kabarettisten Tauchen und Prokopetz, zwei ehemaligen Mitstreitern von Wolfgang Ambros ("Der Watzmann ruft"). Bereits im Frühjahr hatte Annette Humpe die LP von DÖF (= Deutsch-Österreichisches Feingefühl) in Wien produziert, Songs für das Duo geschrieben und zusammen mit ihrer Schwester Inga auch auf dem Album gesungen. LP wie Single ("Codo") entwickelten sich in Österreich zu Umsatzrennern. Das Team erhielt Gold. Und auch in Deutschland wurde der Ohrwurm zu einem Nummer 1-Hit im August '83.
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IDEAL (1980) WEA 58716
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DER ERNST DES LEBENS (1981) WEA K 58 400
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BI NUU (1982) WEA 24-0044
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ZUGABE (1983) WEA 24-0188
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Annette Humpe mit Tauchen/Prokopetz:
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DÖF (1983) WEA 24-0187 
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IDEAL
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1982.07.13 Montreux, Casino
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Annette Humpe (voc, org)
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Eff Jott Krueger (voc, g)
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Ernst U. Deuker (voc, b)
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Hans J. Behrendt (dr)
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1. Geheimnis (der Grossstadt) (05:30)
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2. Telefon (03:10)
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3. Blaue Augen (04:03)
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4. Kann Nicht Schlafen (03:15)
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5. Feuerzeug (07:15)
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6. Sex, In Der Wueste (03:37)
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7. Irre (03:13)
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8. Hinleggen (03:17)
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9. Eiszeit (02:52)
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10. Berlin (02:53)
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11. Erschiessen (02:33)
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12. Monotomie (04:21)
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13. Hundsgemein (01:53)
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MJF1982
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Das 7. Orchester
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zur See
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Kosten Sie doch einmal vom Inhalt der CD. Wir haben für Sie unten fett markierten Stücke ausgewählt - zum Anhören benötigen Sie den kostenlos erhältlichen realplayer:
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Und dies sind alle Stücke auf der CD:
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1 Wassermusik (Händel) - 2:39
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2 Crosstrown Traffic (Hendrix) - 2:42
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3 One of These Days (Sellhorn) - 3:43
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4 Seekrank (Kirleis/Düker) - 4:56
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5 Sex in der Wüste (Ideal/Humpe) - 2:55
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6 Money, Money Money (Andersson/Ulvaeus) - 4:22
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7 (Goin') Wild for You, Baby (Snow/Batteau) - 3:25
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8 Kalinka (aus Rußland) - 3:52
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9 They're Coming to Take Me Away, Ha-haaa (Djivre) - 2:58
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10 Hold Tight (Want Some Sea Food, Mama) - 2:11
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11 Here Comes The Flood (Gabriel) - 4:04
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12 Don't Eat The Yellow Snow (Zappa) - 5:50
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13 Mein Hafen (Sellhorn) - 3:11
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14 Working in The Coalmine (Toussaint) - 3:19
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15 Under The Boardwalk (Resnick/Young) - 4:06
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16 Hein Mück (Amberg/Engel/Berger) - 4:50
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17 I'm Going Home (O'Brian) - 3:46
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18 Uncle Meat (Zappa) - 2:08
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Alphaville...
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Ideal
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The entire cast of the early eighties Berlin band Ideal (minus the lead singer Anette Humpe), features on "Heaven or Hell". Ideal had a couple of hits in 1981 in German. Their style was mostly synthie rock (judging by their Greatest Hits compilation). They have also worked with Klaus Schulze.
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Berliner Morgenpost 25.6.2000
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http://archiv.berliner-morgenpost.de/archiv2000/000625/biz/story72812.html
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Einfach den Nerv getroffen
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Inga Humpe ist wieder da. Mit «Wir trafen uns in einem Garten» erreicht die Herzenströsterin der 80er vor allem die Jugend - simpel, süß und sehnsüchtig
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Von Christian Bahr
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Barfuß. Barfuß, möchte man glauben, tänzelt sie über ihre Veranda. Mit der unbekümmerten Leichtigkeit eines Mädchens schreitet sie durch den Sommernachmittag über den Dächern von Berlin-Mitte. Mit der gleichen heiteren Aufgewecktheit angeln ihre Augen nach dir. Sie schweben heran und umarmen dich. Herzlich. Sagen: «Hallo, hier bin ich!» Nichts von Melancholie oder Tristesse. Inga Humpe grüßt wie eine liebe Freundin, ohne inszenierte PR-Offenheit. Sandalen sind es, die ihre Füße umschließen, die Fußnägel goldlackiert. Mit modisch korrekter Nachlässigkeit lugt aus dem tiefhängenden Hosenbund der Saum ihrer Wäsche hervor.
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So unbekümmert ihr Charme, so unbekümmert ist ihr neuer Hit geboren. Es ist wieder so ein Treffer wie damals in den Achtzigern, als ihre glockenhelle Stimme alle Verliebten des Landes «im Sauseschritt» an die Hand nahm, weil nichts schöner klingen konnte als «die Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, die macht viel Spaß. Vielmehr Spaß als irgendwas». Simpel, süß und sehnsüchtig. Sehnsüchtig wie ihre aktuellen Zeilen, die bereits die Ohren im Großraum Berlin heftig verführen. Verträumt, melancholisch, mit dem matten Tonfall eines müden Morgens gesungen. Ein Lied zum Summen und Mitsingen, wie der damalige Sommerhit «Codo» von «DÖF» (Deutsch-Österreichisches Feingefühl), einem trashigen Pop-Trio. Doch diesmal summt und singt eine Generation mit, die bei der Liebeshymne von 1983 gerade Sprechen und Laufen lernte. «Wir trafen uns in einem Garten» hat die jungen Hörer aus Berlin, Brandenburg und naher Ferne erobert. Und sie staunen, wenn sie erfahren, dass hinter dem umständlichen Bandnamen «2-Raum-Wohnung» die himmlische Herzenströsterin von damals steckt. Und wundern sich, dass Ikonen aus einer längst vergangenen Pop-Epoche mit leichtem Spiel in ihre Herzen vordringen können.
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Liegt es am ursprünglichen Sinn des Songs, der von Anfang an verführen und kommerziellen Erfolg bringen sollte? Denn eigentlich hatte Inga Humpe das unerwartete Erfolgslied vor zwei Jahren mit ihrem Lebenspartner Tommi Eckart als kurzes Stück für einen Werbespot der ostdeutschen Zigarettenmarke «Cabinet» komponiert. Doch die Hintergrundmelodie zum Kinospot wuchs im Stil etlicher C & A-Werbesongs über sich hinaus und mauserte sich zum Ohrwurm, nach dem die umworbene Zielgruppe bohrend fragte. Um die unverhoffte Nachfrage zu stillen, wurde die knappe Komposition auf Zigarettenlänge gebracht und als ordentliches Lied mit Refrain auf CD gepresst. «Ist das Leben wie ein Spielfilm oder geht's um irgendwas?», fragt Inga Humpe in einer Strophe. So ist die Zeit. Und Inga Humpe ist wieder da.
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«Ich finde es entwürdigend, wenn die Sachen reingedrückt, reingequetscht und gepuscht werden», sagt sie. Seit mehr als zwanzig Jahren im Geschäft, kritisiert sie damit den gnadenlosen Kampf um den musikalischen Kassenschlager. «Der Erfolg mit ,Wir trafen uns in einem Garten' ist Glückssache. So was passiert nur alle paar Jahre». Karriere sei ein künstlicher Begriff, «unkontrollierbar», findet sie. Abhängig scheint Inga Humpe von Popularität im Starformat nicht zu sein. «Klar freue ich mich über das Feedback meiner Arbeit. Aber ich brauche es nicht, um mein Ego den ganzen Tag zu streicheln. So richtig scharf auf Öffentlichkeit bin ich sowieso nicht.» Lieber vergräbt sich die Wahlberlinerin in ihrem neuen hellen Tonstudio in der überwiegend weißen Dachwohnung am Rande der Spandauer Vorstadt. Die Arbeit, der Prozess, die kreative Entwicklung sind für sie die Spaßmacher am Musikmachen. Bob Dylan ist in der Hinsicht ihr Vorbild: «Platten produzieren, Platten rausbringen, aber den Mund halten», lächelt sie. «Eigentlich», wendet sie ein, «eigentlich bin ich Songforscherin.» Schöner kann man ihren Beruf nicht bezeichnen.
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Richtig weg war Inga Humpe nie. Auch wenn der letzte Hit «Careless Love» aus der Duo-Phase mit ihrer Schwester Anete Humpe (der Neue-Deutsche-Welle-Königin von «Ideal») dreizehn Jahre zurückliegt. Zu jeder Zeit hat Inga in Studios getüftelt, mit anderen Popgrößen wie den Pet Shop Boys, Kylie Minogue, Marc Almond, Trevor Horn, Andreas Dorau oder Howard Jones Songs produziert, bis sie sich in den 90er-Jahren der Techno-Szene verschrieb. «Ich war richtig verliebt in diese Musik, das war fast religiös.»
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Und nun sammelt sie Punkte mit handgefertigter Gitarrenmusik. «Ab und zu musst du dich von deinen geliebten Schwächen verabschieden, weil sie dich sonst in deiner Weiterentwicklung hemmen.» Mit anderen Humpe-Worten: «Kill your darlings!» Ein Prinzip, das etwa Superstar «Madonna» perfekt beherrscht. Ähnlichkeiten mit den ironischen Humpe & Humpe-Glamourgirls hegt die heutige Inga insofern nicht mehr. Die plötzliche Hörergunst beim jugendlichen Publikum gibt ihr da recht. Zum Richtungswechsel inspiriert hat sie der «Osten», wie sie erzählt. Die Entdeckung des Neulandes rund um Berlin war auch der Anlass, wieder deutsche Texte zu schreiben. Ihre Jahre als Produzentin in der Popmetropole London sind passé. «Das war nicht die schönste Zeit in meinem Leben. Es war sehr hart, sehr mühevoll.» Berlin ist ihre Stadt, denn die Szene ist «sehr kreativ, sehr bunt. Kreativer als früher.»
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Vielschichtiger ist das Leben hier auch geworden. «Wenn ich Ausflüge ins Umland mache, erinnert mich vieles an meine Jugendzeit in Westfalen.» An die quälend langen Tage, die keine Abwechslung versprachen, in Orten ohne Kino oder Disco, geschweige denn einer Wurstbude. «Jeder ist letztendlich für sich und sehnt sich nach etwas anderem», erinnert sie sich. Sehnsucht ist ihr Motiv, nicht aber ihr Antrieb. Sehnsucht nach ihrem Teenagerleben hat die neugierige Mitvierzigerin nämlich ganz und gar nicht. «Das war eigentlich eine schreckliche Zeit. Man hatte regelrecht Panik, ob man auf das Karussell rauf kommt, das sich in der Ferne des Lebens dreht.»
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Mit «Wir trafen uns in einem Garten» hat Inga Humpe trotzdem den Nerv der jungen Generation getroffen. Der melancholische Text, eingebettet in beschwingte Musik, schenkt Kraft, weil er sich mit verborgenen Ängsten der Hörer verbündet. Der Angst, nicht geliebt zu werden. «Die Gefühle im Liedtext müssen echt sein, dann können viele Leute etwas damit anfangen. Und Melancholie ist ein schönes Gefühl», meint sie. «Geile Popsongs haben immer etwas Moll.» Oft dadurch auch Erfolg. Geile Popsongs wie von den Pet Shop Boys, sagt sie.
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Bis Mitte August hat sich Inga Humpe nun in ihrem Studio der eigenen Produktionsfirma «it worx» in der Linienstraße eingenistet, um der Single ein Album folgen zu lassen. Konzentriert ohne Kontakt zur Außenwelt bastelt sie mit Tommi Eckart die Töne zusammen, die im Herbst veröffentlicht werden sollen. Die Produktion mit modernster Computertechnik musste sie sich erst langwierig aneignen. «Da geht schnell ein Jahr rum», sagt sie. «Auf einmal sind zehn Jahre vorbei - bumm!». Genug Stoff für den musikalischen Neubeginn ist vorhanden. Auch dies ist reiner Zufall. «In den vergangenen Jahren haben Tommi und ich jede Menge Material in einem ähnlichen Stil komponiert.»
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Ihre größte Freude aber ist, dass der Teekessel nicht weit von der Tastatur steht. «Die Impulse zum Komponieren kommen meist von Innen, ich verarbeite auch Träume.» Gut also, dass ihr Studio in der ausgebauten Dachkammer über dem Schlafzimmer liegt. Dann kann sie sofort nachts zu Werke gehen, die steile Stiege hinaufklettern. «Manchmal ist so eine Unruhe in mir, dann springe ich auf und stürze ins Studio.» Hilfsmittel zum Aktivieren ihrer schöpferischen Geister benötigt sie nicht. Wenn sie arbeitet, trinkt sie kaum Alkohol. «Den nehme ich lieber auf Partys zu mir.»
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Das Unwohlsein mit dem tierischen Namen kennt sie jedoch in anderer Form. Nach mehreren Tagen Studiodasein packt sie oft ein Konsumrausch, verrät Inga Humpe: «Danach habe ich einen kleinen Einkaufskater.» Ihre kristallblauen Augen leuchten. Sie lacht. Unbekümmert.
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Dazu kommt die Entwicklung in der Popmusik, Technosounds zu adaptieren: Es springen Musiker auf den Techno-Train auf, die ihren Zenit eigentlich schon überschritten haben: Der ehemalige Neue Deutsche Welle-Star Falco mit seiner Single "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da" (1996), oder auch das ehemalige 'Ideal'-Mitglied Inga Humpe und ihre Schwester Annette mit ihrer niedlichen Formation "Bambi" (1995). Extremer sind da noch 'Die Schlümpfe', hier werden mit verzerrten Stimmen alte Hits einfach gecovert.
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Unter den Insidern gilt diese mittlerweile populäre Variante von Techno als "Deppentechno" der von "Technodeppen" gehört wird. So hören sich die beschwörenden Worte der Pioniere der ersten Stunde mittlerweile wie "Durchhalteparolen" an: Es klingt Wehmütigkeit aus diesen Worten - Retten, was noch zu retten ist.
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Aktuelle Version vom 26. November 2007, 22:17 Uhr

country de.gif Deutsche Rockgruppe ; gegründet Anfang 1980, aufgelöst März 1983

Biographie Diskographie Galerie Weblinks
Die Gruppe Ideal wurde Anfang 1980 in Berlin gegründet. Annette Humpe (ex-Neonbabies) und Gitarrist Frank-Jürgen Krüger (ex-Release Music Orchestra) kamen vom eben aufgelösten New Wave-Sextett X-Pectors. Zu ihnen gesellte sich Ulrich "Ulli" Deuker, der vorher bei der Politrockband Linkerton und danach beim Jazz-Quintett Margo gespielt hatte. Komplettiert wurde die Gruppe durch "Hansi" Behrendt, der u. a. in Volker Kriegels Mild Maniac Orchestra als Percussionist und zuletzt bei den Neonbabies als Schlagzeuger beschäftigt war und dort auch Humpe und Krüger getroffen hatte. Überdies hatten Deuker und Behrendt bereits in der Deutschen Bundesband zusammengespielt.

Bereits im Februar 1980 nahm Ideal im durch Berliner Senatsgelder finanzierten "Beat-Studio" in Wilmersdorf ihre erste Single Wir stehn auf Berlin auf, eine flotte Pop-Rock-Mischung mit der B-Seite "Männer gibt's wie Sand am Meer", das mit seinen abgehackten Riffs von Annette's unterkühlter Stimme lebte und eigentlich ein Schlager aus den 1950er Jahren war. Auf eigene Kosten liessen sie die Platten pressen und versuchten sie in den Läden zu verkaufen. Heute wird sie als Rarität gehandelt. Fern vom "aufgesetzten Weltverbesserungs-Pathos" (Tip) eines Udo Lindenberg, bar jeder lärmenden Fröhlichkeit pubertärer Bands der Neuen Deutschen Welle, wollte das Quartett "moderne Tanzmusik" machen und "sauber, direkt und ironisch Geschichten erzählen". "Voller Kühle und Fatalismus" (Sounds) legten Ideal "den Knäuel von Ticks und Macken bloss, der sich hinter aufgesetzten Masken von Stil und Moden der neuen flotten Szene-Generation verbirgt: Spannung, Frustration, Selbstmordgedanken und Untergangsgefühle" (Der Spiegel).

Ihren ersten grossen Auftritt hatte die Gruppe im Mai 1980 beim Berliner Rock-Circus im "Tempodrom", wo auch ein Auftritt für Rundfunk und Fernsehen mitgeschnitten wurde. Im August spielte Ideal vor dem Deutschen Reichstag in Berlin als Vorgruppe der Softrocker von Barclay James Harvest und unterschrieben danach ihren ersten Plattenvertrag. Im November 1980 wurde die erste LP für Klaus Schulzes Label IC (Innovative Communication) veröffentlicht. Sie verkaufte sich zuletzt über 500'000 mal und erreichte Platz 3 der deutschen Hitparade. Ab März 1981 gingen Ideal auf eine grosse Tournee durch die Bundesrepublik und die Schweiz. Unter anderem spielte die Gruppe auf der Berliner Waldbühne vor 22'000 Besuchern während der SFB-Rocknacht im August 1981. "Die gefährliche Seite ist, dass ich plötzlich mit dem, was ich da innerhalb der Gruppe mache, von Hunderttausenden von Leuten ganz wichtig genommen werde", bekannte Annette Humpe.

Die musikalischen Arrangements der Band kamen von allen Gruppenmitgliedern, während Annette meist für die Texte sorgte. Die Sängerin betonte: "Ich habe keine Message." Sie hatte eher eine Vorliebe für Wortkombinationen, die ihr gefielen und Assoziationen weckten. "Deine blauen Augen machen mich so sentimental", raunte Annette, während "Eff Jott" Krüger den Chauvi raushängen liess: "Es macht mir Spass, ein Schwein zu sein." Ideal wurde immer wieder der Vorwurf gemacht, ihr Programm kühl abzuspulen, keine Gefühle zu zeigen und keine Kommunikation mit dem Publikum zustande zu bringen. Das sah jedoch Frau Humpe gar nicht so: "Also bei mir ist das so, dass ich bei der ganzen Musikmacherei nur zwei geile Momente erkennen kann: Das ist der Moment im Überaum, wenn ein Stück entsteht, weil das doch irgendwas Göttliches hat. Und der andere Moment ist, wenn du auf der Bühne bist und das Stück fliegen lässt. Und das erreicht die Leute. Und du siehst, das funktioniert." Trotzdem: Distanzierte Betrachtungen der Umwelt, kühlwitzige Parodien auf Auswüchse der Gesellschaft beherrschten oft das Bild der Ideal-Stücke. Thematisch reicht der Bogen von der Einsamkeit der Einzelnen über die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, der Unmöglichkeit, sich immer und zu jeder Zeit zurechtfinden zu können bis zu einer ironisch-distanzierten Betrachtungsweise der eigenen Rolle, die jeder in diesem Wirrwarr spielt.

Ideal wollte den deutschen Schlager sanieren, in eine zeitgemässe Form bringen, aber in keine Uniform zwingen. Deshalb auch der Hinweis: "Unsere Musik ist unabhängig von der Neuen Deutschen Welle entstanden. Wir machen Tanzmusik und Schlager, nicht Punk und nicht New Wave." Mit dem im Oktober 1981 veröffentlichten zweiten Album Der Ernst des Lebens, für das schon vor Erscheinen 100'000 Vorbestellungen vorlagen, konnten Ideal (längst zur WEA gewechselt) den hohen Standard des Debüts halten. Inzwischen war nicht nur das benachbarte Ausland auf die junge, dynamische Band aufmerksam geworden. Auch in England und den USA nahm die Musikkritik das Berliner Quartett wahr, in der Regel überaus positiv. So attestierte z. B. der Melody Maker: "Ideal könnten Europa's Antwort auf die B-52's werden. Schräge Orgelmelodien, sprunghafte Tanzrhythmen, Bubblegum-Chöre als Rahmenwerk für ihren stilvollen, munteren Pop, eine seltsame Mischung aus Surf-Punk, Garagen-Psychedelic und ZE-Funk", und das US-Branchenfachblatt Billboard stufte Ideal als "Deutschlands wichtigste Gruppe seit Kraftwerk" ein. Vom 21. November bis zum 21. Dezember 1981 gingen Ideal auf ihre zweite Deutschland-Tournee.

Das Phänomen Ideal zeigte sich am deutlichsten, wenn die Gruppe mit anderen Bands in einer Veranstaltung zusammen spielte ("Rockpop", ZDF, 21.10.1982): Ideal erweiterte das übliche Spektrum der Rockformationen vom Exotischen bis zum Polaren. Ein grosser Reichtum von Nuancen lebte in den Ideal-Songs, die das Umfeld des Alltäglichen meiden und geheime Träume, Sehnsüchte und Phantasien schildern, das Ambiente des Menschen im 20. Jahrhundert in surrealistischer Schärfe darstellen. Bei einer Analyse der Ideal-Texte fällt auf, dass im Grunde die Sprache dieser Songs alltäglich, ja banal ist, und dass vielfach die Sprache der "normalen" Rockmusik wirklichkeitsfremd ist und mit Bildern arbeitet, die nur scheinbar der Realität entnommen sind. Die Texte von Ideal sind auf eine faszinierende Weise konkret, zwingend und eingängig. Der Vergleich mit heute und populären Liedern der 1920er und 1930er Jahre von Igelhoff, Holländer oder Kreuder drängt sich auf. Die in ihnen enthaltenen exotischen und surrealistischen Momente ("Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten", "Mein Papagei frisst keine harten Eier") finden sich auch in Ideal-Songs wieder ("Sex in der Wüste", "Hundsgemein"). Die Songs stellen in exponierter Form eine Essenz kultureller Gegenwart in der populären Musik der frühen 1980er Jahre dar.

Die Leute von Ideal mussten jedoch schon bald erkennen, dass sie ihr Konzept nicht durchhalten konnten. Unzählige Bands, von den Plattenkonzernen in der Retorte hochgezüchtet, gelang es tatsächlich, mit platten Texten und ebenso schlaffer Musik kurzzeitig den deutschen Schlagermarkt heimzusuchen. Was von Ideal wohl nicht ganz so ernst gemeint war, wurde von anderen (z. B. UKW oder Hubert Kah) für bare Münze genommen und - nicht ohne Erfolg - in die Tat umgesetzt.

Mit dem dritten Album Bi nuu (1982) versuchte sich die Band nochmals positiv von den neuen Schlagerfuzzis abzusetzen. Trotz wohlwollender Kritiken kam die LP beim Publikum nicht sonderlich an. Ende November 1982 durften Ideal wie auch Trio noch eine "Goldene Europa", den Show-Preis des Saarländischen Rundfunks, in Empfang nehmen. Doch das Ende war bereits in Sicht. Nachdem Bi nuu gerade mal Platz 20 der deutschen Hitparade erklommen hatte, also weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben war, wurde eine bereits angekündigte Deutschlandtournee kurzfristig abgesagt. Am 31. März 1983 wurde ein Telex an die Medien verschickt: "Die Gruppe Ideal löst sich auf. Ideal war von Beginn an als ein Projekt geplant, eine Arbeitsgemeinschaft, die so lange bestehen sollte, wie die Unterschiede der einzelnen Mitglieder die Arbeit spannend und kreativ machte. Unsere Musik war immer ein Resultat der Auseinandersetzung von vier verschiedenen Persönlichkeiten, nicht um Kompromisse, sondern um Songs zu (er-)finden, auf die jeder stehen konnte. In drei tollen Jahren haben wir aus dieser Konstellation das Beste rausgeholt."

Für die Fans wurde einige Monate später noch das Live-Album Zugabe (1983) nachgeschoben.

Annette Humpe hatte bereits Anfang 1983 mit dem DÖF-Unternehmen ihre Solokarriere eingeläutet, Deuker tauchte praktisch völlig weg, während Krüger und Behrendt (u. a. Bamboo Industry, Chinchilla Green) als Sessionmusiker in die zweite und dritte Reihe der deutschen Popszene zurücktraten.

Besetzung

1980-1983 Annette Humpe (vocals) geboren 28. Oktober 1950 in Hagen
1980-1983 Frank-Jürgen "Eff Jott" Krüger (guitar, vocals) geboren 24. Dezember 1948 ; gestorben 2007
1980-1983 Ernst Ulrich "Ulli" Deuker (bass) geboren 13. Juli 1954
1980-1983 Hans-Joachim "Hansi" Behrendt (drums) geboren 15. Februar 1955