François Villon/Biographie

Aus Ugugu
Wechseln zu: Navigation, Suche

Leider ist über das Leben von François Villon nur sehr wenig bekannt. Paul Zechs 60seitiger Text "Leben des François Villon" im Buch Die lasterhaften Lieder und Balladen des François Villon sind in der Hauptsache Dichtung und haben mit der Wahrheit nur wenig gemein. Unsere Kenntnisse über Villons Leben stammen aus drei Quellen:

  • sechs erhaltene Pariser Dokumente, die Villon im Zusammenhang mit Straftaten erwähnen
  • eine Sammelhandschrift des Herzogs und Lyrikers Charles d'Orléans (1394-1465), die u. a. auch vier Gedichte Villons enthält
  • Direkt oder indirekt aus Villons eigenen Texten entnommene Informationen, v. a. aus seinem Hauptwerk, dem Testament

Daraus ergibt sich folgendes Lebensbild:

1431

François wird (vielleicht am 31. März) in Paris geboren. Sein Vater war mittellos und starb früh, seine Mutter war gleichfalls arm und lebte 1461 noch. Bereits als Knabe wird er, aus welchem Grund auch immer, vom vermögenden Stiftsherrn und Rechtsprofessor Guillaume de Villon aufgenommen und gefördert, dessen Name er spätestens ab 1456 benutzt. François Villons eigentlicher Familienname ist nicht zweifelsfrei bekannt. Die Vermutung, er könnte François de Montcorbier geheissen haben, basiert darauf, dass Villon 1456 in einem erhaltenen, eindeutig ihn betreffenden Gnadenbrief "maître François de Monterbier" genannt wird und dass in erhaltenen Studentenlisten der Pariser Universität 1449 ein Baccalaureus und 1452 ein Magister namens "Franciscus de Montcorbier" figuriert, der vielleicht identisch ist mit jenem "Monterbier" des Gnadenbriefs.

Nach propädeutischen Studien an der Artistenfakultät und dem Erwerb des Magistergrades beginnt François ein weiterführendes Studium (vermutlich Theologie), beendet dieses aber nicht. Stattdessen ist er, vielleicht während des fast einjährigen Streiks der Pariser Professoren 1452/53, in das zahlenmässig offenbar grössere akademische Proletariat der Stadt abgesunken und scheint sich Kriminellengruppen angeschlossen zu haben, vermutlich sogar der in ganz Nordfrankreich gefürchteten Mafia der "Muschelbrüder".

1455

Am 5. Juni 1455 verletzt François im Streit einen offenbar pfründelosen, sicher ebenfalls kriminellen Priester, der anschliessend stirbt. François, der sich bei einem Barbier die vom Messer seines Gegners aufgeschlitzte Lippe verbinden lassen muss, flüchtet aus Paris. Er wird dafür, vermutlich in seiner Abwesenheit, zum Tode verurteilt.

1456

François nimmt den Namen seines Förderers Guillaume de Villon an und kann dank zweier erhaltener königlicher Gnadenbriefe, in denen der Totschlag als Notwehr hingestellt ist, nach Paris zurückkehren. Aus dieser Zeit stammt wahrscheinlich sein wohl erstes erhaltenes Werk, die "Ballade des contre-vérités", die aus einer Reihe von Gaunerweisheitne besteht und eine ähnliche, im Gegensatz dazu aber hochmoralische Ballade von Alain Chartier (1385-1433) parodiert. Ende des Jahres, vielleicht am Weihnachtsabend, unternimmt Villon laut erhaltenen Dokumenten mit vier Komplizen, darunter drei Klerikern, einen lukrativen Einbruch im Collège de Navarre. Danach entfernt er sich erneut aus Paris und geht vermutlich nach Angers. Vor seinem Weggang schreibt er sein mit gut 320 Versen erstes längeres Werk, das "Lais", eine witzige Kombination aus den Parodien einer höfischen Liebesklage, eines literarischen Testaments und eines Traumgedichts. Im Testament-Teil des "Lais" übermacht er boshaft-respektlose fiktive Hinterlassenschaften an allerlei real existierende, fast immer namentlich genannte Leute, vor allem Amtsträger aus Justiz, Polizei und Verwaltung sowie andere Pariser Honoratioren.

1457

In einem erhaltenen Polizeiprotokoll von Mai 1457 sagt ein Priester aus, einer von Villons Einbruchskomplizen habe ihm erzählt, dieser sei unterwegs nach Angers, um dort einen neuen Coup für die Bande auszukundschaften. Ende des Jahres entgeht Villon in Blois offenbar im letzten Augenblick der Vollstreckung eines Todesurteils - durch eine Amnestie, die Herzog Charles d'Orléans zu Ehren der Geburt seiner Tochter Marie (19. Dezember) erlassen haben muss. Villon deutet dies in seinem feierlichen Lob- und Dankgedicht "Dit de la naissance de Marie d'Orléans" an, das ihm Zutritt zum herzoglichen Hof verschafft, was er im Dankgedicht "Double ballade" nicht ohne Stolz erwähnt.

1458

Villon beteiligt sich anschliessend mit der Ballade "Je meurs de soif auprès de la fontaine" an einem höfischen Dichterwettstreit und stellt darin eindringlich sein Aussenseitertum unter den etablierten Höflingen dar, gleichzeitig den Herzog um mehr Unterstützung bittend. Als er diese Ballade, wie vorher schon die zwei anderen Gedichte, eigenhändig in die eingangs erwähnte Sammelhandschrift des Herzogs einträgt, regt ihn ein darin gefundener Briefwechsel zwischen Charles und einem gewissen Fredet zum Verfassen einer spöttischen Ballade gegen den offenbar in Blois ebengfalls anwesenden Fredet an. Die Reaktion sind zwei erboste Gedichte von einem Pagen des Herzogs und von diesem selbst, worin Villon, ohne namentlich genannt zu werden, als Störenfried getadelt und vom Hof gewiesen wird. Ende September / Anfang Oktober 1458 versucht sich Villon in Vendôme mit der zerknirschten "Ballade des proverbes" beim Herzog erfolglos wieder Liebkind zu machen. Hingegen scheint Villon für die um Nachsicht werbende "Ballade des menus-propos" die sechs Taler erhalten zu haben, die er später (1461) in einer neuerlichen Bittballade an den herzog erwähnt.

Nach dem mutmasslichen Kontakt mit Charles in Vendôme, wo dieser am Hochverratsprozess gegen seinen Schwiegersohn Herzog Jean d'Alençon teilnahm, verschwindet François Villon für fast drei Jahre von der Bildfläche. Bestimmt hat er sich wieder kriminellen Banden angeschlossen. Vielleicht stammt aus dieser Zeit wenigstens ein Teil der elf von ihm erhaltenen "Ballades en jargon", die in schwer verständlicher Gaunersprache geschrieben sind.

1461

Nach eigenen Angaben ("Testament", 4-48) wird Villon den ganzen Sommer hindurch in Meung-sur-Loire vom Bischofs von Orléans, Thibaut d'Aussigny, offenbar im Turm der dortigen Burg gefangen gehalten. Vermutlich verfasst er im Kerker zwei Ballden - vielleicht anlässlich kurzer Besuche von Herzog Charles beim Bischof, der anscheinend ebenfalls den Sommer über in Meung war. In der "Épître à ses amis" bittet Villon kläglich-komisch um seine Befreiung, während der "Débat du coeur et du corps de Villon" ein Gespräch mit seinem Herz als seinem besseren Selbst darstellt. Villon wird aber erst durch eine Amnestie des neugekrönten Königs Louis XI. (1423-1483) befreit, der am 2. und 3. Oktober in Meung vorbeikommt und vielleicht einer Fürbitte des ihn begleitenden Herzogs Charles nachkommt. Villon widmet dem König darauf dankbar und zweifellos auf Anerkennung die monarchistisch-patriotische und zugleich Gelehrsamkeit ausbreitende "Ballade contre les ennemis de la France". Nach der mutmasslichen Enttäuschung durch Louis richtet Villon in Blois eine witzig-verzweifelte Bittballade (die lange fälschlich unter dem Titel "Requête au duc de Bourbon" figurierte) an Charles, von dem sie ihm ein Geldgeschenk eingetragen zu haben scheint (vgl. "Testament", 101f.).

Villon kehrt nun nach Paris zurück und will offenbar ein neues Leben anfangen. In der "Ballade du bon conseil" jedenfalls stellt er sich als gebesserten und bekehrten Ex-Verbrecher dar, der es verdient, wiederaufgenommen zu werden. Dieser Wunsch scheint ihm nicht erfüllt worden zu sein und so dichtet er die pessimistische "Ballade de Fortune" und das ab Ende 1461 entstehende Hauptwerk, das "Testament". Trotz dem berühmten halb reuigen, halb anklagenden Anfangsteil geisselt er im sarkastisch-satirischen Hauptteil und Schluss wie in den "Lais" von 1456 erneut mit seinen boshaften Hinterlassenschaften zahlreiche als dümmlich, sittenlos und korrupt vorgestellte Pariser Honoratioren.

1462

Daraufhin wendet sich Villon wiederum den Kriminellen zu. Anfang November sitzt er wegen eines kleineren Diebstahls im Gefängnis und muss vor seiner Freilassung eine als Aktennotiz erhaltene Verpflichtung abgeben, dass er seinen Anteil an der Beute vom Einbruch im Collège de Navarre (1456) zurückerstattet. Noch im selben Monat provoziert er mit zwei Kumpanen auf dem Heimweg vom Wirtshaus ein Handgemenge mit einem Notar und dessen Schreibern, wobei der Notar einen Messerstich abbekommt. Villon macht sich zwar rasch aus dem Staub gemacht, wird aber am schon nächsten Tag verhaftet. Das Gericht nutzt die Gelegenheit, Villon "angesichts seines schlimmen Lebenswandels" erneut zum Tod zu verurteilen. Zweifellos in der Todeszelle dichtet er die "Ballade des pendus" und das "Quatrain". Allerdings hat er gleichzeitig beim obersten Gerichtshof, dem Parlament, Berufung eingelegt.

1463

Am 5. Januar 1463 kassiert das Parlament das Todesurteil und wandelt es um in zehn Jahre Verbannung aus Stadt und Grafschaft Paris. V. verfasst daraufhin die pompöse Dankballade "Requête et louange à la cour" sowie eine spöttische Ballade an den Gefängnisschreiber Garnier, der seiner Berufung keine Erfolgsaussichten beigemessen hatte.

Hiernach verliert sich Villons Spur. Vielleicht hat er bereits den ersten Winter als Vogelfreier nicht überlebt. Villons Werk ist mit rund 3'300 Versen relativ schmal. Formal eher schlicht und konventionell, beeindruckt es vor allem durch die ungewöhnliche Prägnanz, Lebendigkeit und Ausdruckskraft seiner Sprache und Bilder.

19. Jahrhundert

Den französischen Dichtern Paul Verlaine und Arthur Rimbaud wird Villon zum Vorbild. Ausserdem beeinflusst er den deutschen Expressionismus, vor allem den jungen Bertolt Brecht. Ab 1953 beginnt dann Klaus Kinski Texte von Villon zu rezitieren...

20. Jahrhundert

Die erste, fast vollständige, deutsche Übertragung von K. L. Ammer (1907) wurde von zwei Balladen-Nachdichtungen des Lyrikers Richard Dehmel (1892) angeregt. Ammers Übertragung beeinflusste 1918 zahlreiche expressionistischen Autoren, darunter Bertolt Brecht (der für seine "Dreigroschenoper" Teile verschiedener Balladen von Villon übernahm), Klabund, Jacob Haringer und vor allem Paul Zech. Dessen sehr freie Villon-Imitate (1931) und auch seine ebenso freie Villon-Vita (1946), deren Details keineswegs, wie Zech suggeriert, auf neuentdeckten Quellen beruhen, haben eine Reihe weiterer Gesamt- und Teilübertragungen nach sich gezogen. Daneben entstanden auch Villon-Romane, Villon-Stücke, Villon-Chansons und ähnliches.

Von der so erzeugten Legende profitierten und profitieren verschiedene Villon-Darsteller wie Klaus Kinski (ab 1953), Wolfgang Neuss, Ernst Stankovski, Markus Kiefer, Thomas Koppelberg und andere mehr. Dank ihnen ist Villon heute im deutschsprachigen Raum fast so bekannt wie in Frankreich, wo ihm selbst Serge Gainsbourg eine Komposition widmete.

In Deutschland fand im übrigen die 1970 von einem französischen Linguisten aufgestellte Hypothese Verbreitung, das "Lais" und das "Testament" stammten gar nicht von Villon, sondern von einem anonymen Pariser Gerichtsschreiber, der den stadtbekannten Namen Villon als Pseudonym benutzt habe. Weil diese Hypothese nichts zu einem besseren Verständnis der beiden erwähnten Werke beiträgt und durch die Existenz der sichtlich in Blois verfassten Gedichte Villons an Charles d'Orléans eher widerlegt als gestützt wird, wurde sie von der Mehrheit der Villon-Forscher abgelehnt.